Horrorzahlen zur Hauptversammlung

8. August 2001, 19:47
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2,5 Milliarden Schilling Verlust - Neuer Aufsichtsrat gewählt - Libro nur durch Verkauf zu retten

Wien - Auf einer extrem emotionsgeladenen außerordentlichen Hauptversammlung wurde am Mittwoch das Gesamtausmaß des Libro-Desasters öffentlich. Mehr als eine Stunde wurde über die Höhe der Aufsichtsratsentschädigungen gestritten. Noch mehr erregten die Rolle der finanzierenden Banken, der Steuerberater, Aufsichtsräte, des Ex-Vorstands und vor allem des treuhändischen Mehrheitsaktionärs, des Geschäftsführers der Wirtschaftsprüfungskanzlei KPMG, Gottwald Kranebitter, die Gemüter der Kleinaktionäre. Einer sagte: "Libro bietet ein moralisches Spiegelbild des österreichischen Kapitalmarktes. Jeder der hierzulande Aktien kauft, ist ein Trottel."

Knalleffekt

Für einen Knalleffekt sorgten die vom neuen Libro-Vorstandssprecher Werner Steinbauer präsentierten vorläufigen Ergebnisse des abgelaufenen Geschäftsjahres 2000/2001 (per Ende Februar). Demnach hat auch der bisher als gesund geltende heimische Kern der Libro AG - ohne Amadeus, Internettochter Lion.cc und dem verlustreichen Deutschland-Abenteuer - zuletzt eine halbe Milliarde Schilling Miese geschrieben. Insgesamt erhöhte sich der Jahresfehlbetrag von 59 Mio. S (4,28 Mio. EURO) auf sage und schreibe 2,5 Mrd. S (182 Mio. EURO). Dazu kommen noch 1,8 Mrd. S Schulden von Lion.cc und Libro-Deutschland aus früheren Geschäftsjahren.

Tief im Sumpf

Steinbauer begründete die tiefrote Bilanz mit dem fehlgeschlagenen Libro-Expansions-und Großflächenkonzept, dem letztlich "katastrophalen" Weihnachtsgeschäft sowie dem "Verschleudern" der Ware im Jänner und Februar 2001. Steinbauers Resumee: "Wir rechnen heuer noch einmal mit einem negativen Ergebnis von 400 Millionen Schilling. Wir selbst können uns nicht aus dem Sumpf ziehen. Das muss ein neuer Eigentümer, der frisches Eigenkapital einbringt, machen."

Neuer Aufsichtsrat

Der neue 6-köpfige Aufsichtsrat besteht aus dem Wiener Neustädter Rechtsanwalt und Insolvenzspezialisten Norbert Kosch (72), dem Linzer Betriebswirt Hans Rohregger (60), dem Ex-Wienerberger-Vorstand Paul Tanos (56), dem Steuerberater Günter Tik (46), vormals Billa-Finanzvorstand sowie den beiden Betriebsräten Werner Kratochwil und Getrude Dunkel. Die bisherigen Libro-Aufsichtsräte hatten ihr Mandat zwischen Ende Mai und Ende Juni zurückgelegt.

Das neue Gremium wird sich in seiner ersten Sitzung an diesem Freitag Nachmittag nicht nur mit der tiefroten Bilanz beschäftigen, sondern muss auch die noch immer aufrechten Dienstverträge der ehemaligen Vorstände kündigen, die zwar ihr Mandat zurückgelegt haben, deren Gehälter jedoch für Juli und August weiter bezahlt wurden. Ein Rückbehaltungsrecht sei geprüft, aber wieder verworfen worden, weil eine Nichtausbezahlung der Gehälter ein begründetes Rücktrittsrecht der ehemaligen Vorstände und damit ein Wiederaufleben ihrer erst im Vorjahr auf weitere 5 Jahre verlängerten Verträge bewirkt hätte, sagte Steinbauer.

Aktie vorerst unbeeindruckt

Die Libro-Aktie startete - unbeeindruckt von der tiefroten Bilanz - am Mittwoch fester in den Tag und stieg bis 11:30 Uhr um rund 19 Prozent auf 2,50 Euro. Am frühen Nachmittag rutschte das Papier jedoch ins Minus und rutsche auf 2,00 Euro (minus 4,67 Prozent). (APA)

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