Einführung der mittleren Reife: "Noch unreifes Mittel" - von Eva Linsinger

7. August 2001, 19:16
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Nach der heftig geführten und vom Bildungsministerium entschlossen beendeten Debatte über die Wiedereinführung der Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium wird koalitionsintern eine weitere Änderung im Schulsystem überlegt: die Einführung der "mittleren Reife", die das Polytechnikum ersetzen und - verschiedene Auswirkungen haben könnte. Je nachdem, wem die "mittlere Reife" nutzen soll.

Dass die Idee von Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl kommt, legt die Vermutung nahe, dass die Umwandlung des einjährigen Polytechnikums in eine zweijährige Ausbildung zur "mittleren Reife" der Wirtschaft zugute kommen soll. Spart sie sich doch dadurch ein Ausbildungsjahr für die Lehrlinge und durch die verkürzte Lehrzeit auch ein Jahr Lehrlingsentschädigung. Abgesehen davon stellt sich die Frage, was mit den Jugendlichen geschehen soll, die die Abschlussprüfung zur "mittleren Reife" nicht bestehen: Sollen die keine Lehre antreten dürfen? Oder ein Schuljahr wiederholen müssen?

Angesichts dieser offenen Fragen ist die Forderung nach einem "Bildungsgipfel" wohl berechtigt. Denn theoretisch könnte die "mittlere Reife" auch den Jugendlichen zugute kommen - wenn sie eine Maßnahme ist, die das Bildungssystem durchlässiger macht und damit indirekt die Hauptschule aufwertet. Dass das möglich ist, zeigt Deutschland: Dort berechtigt die "mittlere Reife" zum Weiterstudium am Gymnasium und auch zum Besuch der Fachhochschule.

Ein ähnliches Modell wäre auch für Österreich ein sinnvoller Weg: Würde doch dann Schülern nach der Hauptschule (und nicht nur mit Matura oder einer Aufnahmeprüfung) die Fachhochschule offen stehen - und die "mittlere Reife" nicht zur Hürde in eine Sackgasse werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. August 2001)

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