Nordirland: Viele Worte, keine Taten - Von Gerhard Plott

7. August 2001, 19:07
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Radikale Splitterparteien warten auf ein Scheitern der Friedensgespräche

Am Anfang war das Wort, heißt es im alttestamentarischen Buch Genesis. Diese Stelle suggeriert, dass dem Wort des Herrn auch Taten folgten, worauf sich die Schöpfung zu dem entwickelte, was sie heute darstellt. Auch in Nordirland steht so etwas wie eine Schöpfung, ein Neubeginn, auf dem Spiel: Der Friede soll nach Jahrzehnten des Konflikts vorsichtig aus der Taufe gehoben werden.

Viele Worte

Worte, die den Anfang machen könnten, wurden bisher schon genug gesprochen - allein, es fehlte immer an den Taten: Sie blieben wegen tiefen Misstrauens sowohl von republikanischen Katholiken als auch von unionistischen Protestanten ungesetzt.

Dieser Tage war die katholische IRA an der Reihe, ihren Friedensabsichten Ausdruck zu verleihen: Sie verkündete einen Plan zur nachweislichen Abgabe ihrer Waffen, der von internationalen Vermittlern unisono gutgeheißen und als Meilenstein gelobt wurde. Die Antwort der Unionisten folgte postwendend. Die Protestanten lehnten den IRA-Plan mit dem sinngemäßen Hinweis ab, dass man die Worte zwar höre, aber dennoch erst auf entsprechende Taten warte. Also steht am Anfang doch die Tat? Und wozu verhandelt man eigentlich wortreich?

Trimble unter Druck

Unionistenführer David Trimble steht naturgemäß unter starkem Druck seiner Parteigänger, vermeintliche Sachzwänge verhindern visionäres Denken und unterbinden, dass so etwas wie Vertrauen wächst. Trimble - er gehört wie alle führenden protestantischen Politiker dem Oranierorden an, der Jahr für Jahr die Katholiken mit unsinnigen Umzügen provoziert - gilt mittlerweile international als zu wenig kompromissbereit. Er bedient eben seine Klientel.

Schon sein Rücktritt als Premierminister war ein Versuch, bei den extremen Teilen des protestantischen Lagers verlorenen Boden gutzumachen. Seine Begründung jedoch, dass die Irisch-Republikanische Armee nicht mit der Abrüstung begonnen habe, war damals schon ziemlich fadenscheinig. Trimble, ein kühler Technokrat, der im Keller lacht, getraute sich einfach nicht, über den protestantischen Schatten zu springen; auch der Friedensnobelpreis 1999 hat seine Sprungkraft nicht erhöht.

Waffenabgabe nicht fixiert

Im Friedensabkommen vom Karfreitag 1998 steht mit keinem Wort, dass die IRA zur Abgabe ihrer Waffen verpflichtet ist. Das Abkommen wurde bewusst schwammig formuliert, damit beide Seiten einen Sieg für sich reklamieren konnten. Für die Regierungen in London und Dublin war es seitdem ein Balanceakt, immer dann der einen Seite ein Zugeständnis zu machen, wenn deren führende Politiker in Bedrängnis gerieten.

Die IRA wird dennoch abrüsten, es bleibt ihr gar nichts anderes übrig. Ihr politischer Flügel Sinn Féin ist in den vergangenen Jahren zu einer Partei der Mitte geworden und ist bei Wahlen mit dieser Politik so erfolgreich, dass sie das Erreichte nicht durch Waffen gefährden wird. Diese Waffen werden auch gar nicht mehr gebraucht. Nicht einmal der letzte Grabenkämpfer auf der grünen Insel rechnet mit einer offenen Feldschlacht, bei der flächendeckend Infanteriewaffen eingesetzt werden könnten. Diese Zeiten sind vorbei.

Wille zur Abrüstung

Allerdings will die IRA den Zeitpunkt der Waffenabgabe selbst bestimmen: Kurz vor den Wahlen in der Republik Irland, die vermutlich im Herbst stattfinden, wird die IRA mit der Abrüstung beginnen. Das dürfte Sinn Féin etliche Sitze einbringen, rechnen die Katholiken hoch.

Was dabei vergessen wird: Das derzeitige Tauziehen zwischen Protestanten und Katholiken bedeutet keinesfalls ein sich abzeichnendes Ende der Gewalt. Während endlos weiterverhandelt wird, werden in der Zwischenzeit wegen Ergebnislosigkeit paramilitärische, radikale Abspaltungen der IRA Oberwasser bekommen und die letzten Bombenwerfer auf der Insel hinter sich vereinen. Den Opfern ist es dann egal, ob sie von der IRA selbst oder einer der irren Splittergruppen umgebracht werden, der Hass wird ungebrochen bleiben. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 8.8.2001)

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