Die mechanische Zuverlässigkeit

7. August 2001, 21:19
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Pianist Yefim Bronfman in Salzburg

Salzburg - Für einen Interpreten eröffnen sich drei Möglichkeiten, mit den Erwartungen seiner Hörer umzugehen: 1.) sie zu enttäuschen, 2.) sie zu bestätigen und 3.) sie zu übertreffen. Der 42-jährige, aus Usbekistan stammende amerikanische Pianist Yefim Bronfman bestätigte sie und bewegte sich damit zugleich auf der Ebene des Enttäuschens, denn einen solch vordergründig motorischen, von unzähligen Leerläufigkeiten geprägten Soloabend hat man irgendwie erwartet.

Seit einigen Jahren bietet Bronfman auf Tonträgern mechanisch zuverlässiges Klavierspiel im Vertrauen auf die gestalterischen Eigenimpulse des Instruments. Im Toccaten-Finale einer Prokofieff-Sonate (im Mozarteum die Nr. 7 in B-Dur op. 83) mag dies noch angehen; schon im motorisch, weil lyrisch verquickten Kopfsatz des Werkes jedoch wackelten die thematischen Gestalten, mangelte es an Vor-und Nachbereitung, fehlte es an Konsequenz in den überleitenden Passagen.

Mit Prokofieffs Kriegszeiten-Modernität sowie mit einer absoluten Neuigkeit von Esa-Pekka Salonen geriet Bronfmans Sturm-und-Drang-Programm zur literarisch gewagten Überdehnung "romantisch" versprochener Zyklusidee! Voll auf Mottokurs hatte es mit Schumanns Faschingsschwank aus Wien begonnen, freilich unter schmerzlicher Verkennung der Wertigkeit der kleinen Noten zwischen öde geballerten Akkordserien. Vielleicht weiß Bronfman mehr über die ästhetischen Hintergründe dieser politischen Karneval-Suite, vielleicht möchte er seine Erkenntnisse für sich behalten, als würde ein im Leisen sprechenderes und im Lauten singenderes Klavierspiel unstatthaft die Intimsphäre des Darstellenden und des Dargestellten berühren.

Womöglich handelt es sich auch um begrenzte Glaubwürdigkeit im Auftreten insgesamt, denn alle Anstrengungen des Pianisten, am Ende die Gipfel der Brahmsschen f-Moll-Sonate zu erklimmen, endeten in einer Gesamtschau der fünf Sätze von rigoroser Zufälligkeit auf der Basis keinesfalls rechtmäßiger Noten.

Ich notiere das zu einem Zeitpunkt, da mir der Orfeo-Mitschnitt (C 57001 B) des einzigen Kempff-Auftritts bei den Salzburger Festspielen vom Juli 1958 vorliegt. Und ebendiese f-Moll-Sonate ist es, die bei Kempff vor verrutschten Akkorden und verfehlten Sprüngen aus dem Leim zu gehen droht. Und doch führt uns der damals 63-Jährige mit untrüglichem Denkerinstinkt durch alle Räume und Nebenräume dieses Werkgebäudes.

Die besten Momente feierte Yefim Bronfman in den beiden brillanten, maschinellen Flatterhaftigkeiten Esa-Pekka Salonens, die unter dem Gesamttitel Dichotomie wohl eher den Fingern als dem deutenden Intellekt zu denken geben. Salonen, im Publikum, bedankte sich grüßend für den Beifall - Bronfman tat dies später mit Zugaben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 8. 2001)

Von
Peter Cossé

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