Risikokapital fließt von Tech zu Biotech

8. August 2001, 20:07
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Trotz schwierigen Umfelds heuer wieder Wachstum bei der Vergabe von Venture-Capital

Die im internationalen Vergleich sehr kleine heimische Wagniskapital-Szene ist durch die Krise in der New Economy weniger in Mitleidenschaft gezogen als die großen ausländischen Vorbilder. "Im derzeitigen Umfeld zeigt sich, dass es ein Vorteil war, zu spät gekommen zu sein", sagt der Chef des Start-up-Financiers march.fifteen, Christian Wolff.

Allerdings ist für die "Venturer" die Zeit des schnellen Geldes vorerst einmal zu Ende. Alle bedauern, dass die Möglichkeit eines "Exits", also eines Ausstiegs aus ihren Firmenengagements über einen Börsengang derzeit verwehrt ist. Auch für Unternehmenskäufe im Hightech-Bereich lassen sich Investoren nicht mehr so schnell begeistern, wie etwa vor einem Jahr.

Genug freies Kapital

Dennoch ist in Österreich noch immer genug freies Wagniskapital auf dem Markt, erklärt der zuständige Spezialist von Arthur D. Little, Karim Taga: "Die im Vorjahr dafür aufgestellten Gelder sind noch nicht zur Gänze ausgegeben." Nach Tagas Berechnungen dürfte das im Vorjahr investierte Venture-Capital (VC) von zwölf Mrd. S (872 Mio. EURO) heuer nochmals zweistellig wachsen.

Nach dem Beispiel des Wiener Krebsforschungsunternehmens igenion, das gestern den bisher größten VC-Brocken in Höhe von 30 Mio. EURO (413 Mio. S) - DER STANDARD berichtete - bekannt gab, fokussieren die Risikokapitalgeber nicht mehr so stark auf Hightech und Telekomfirmen wie noch vor einem Jahr. Taga beobachtet ein stärker werdendes Interesse an Unternehmen aus den Bereichen Life-Science, Biotechnologie, Health-Care und Artificial Intelligence.

Zurückhaltung

Wolff meint, dass die klassischen, mit besonders hohen Risken behafteten "Early Stage"-Investitionen (im Firmenfrühstadium) eher zurückgehen werden. Wolff, der börsenotierte Firmen wie den Computerspiele-Hersteller JoWooD im Portfolio hat, glaubt, dass stattdessen Risikofinanzierungen in bereits bestehende Unternehmen bevorzugt werden, wo sie etwa für Diversifizierungen oder Produktentwicklungen verwendet werden.

Schlechtes Börsenklima

Sollte das schlechte Börsenklima jedoch anhalten und die Möglichkeit für die Wagnisfinanzierer, über einen Börsengang ihrer Beteiligungen wieder zu Liquidität zu kommen, weiterhin versperrt bleiben, würde dies vor allem kleine Venturer treffen, meint Michael Haberler vom Aufsichtsrat des Incubators iLab24. Wagniskapitalgeber, die selbst an der Börse notierten, haben es nach seiner Ansicht schwerer als Unternehmen, deren Kapitalgeber aus Banken- und Versicherungen sind und so einen längeren Atem haben. Alle anderen könnten selbst zu Übernahmekandidaten werden.

Dass jedoch die Nachfrage nach VC-Unternehmen derzeit ebenfalls gebremst ist, zeigt das Beispiel der Red-Stars.com AG. Der auf Internetfinanzierungen in Osteuropa spezialisierte Wiener Investor bereitet derzeit mangels Investoreninteresse seine Liquidation vor. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe 8.8.2001)

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