Afghanistan: Bangen um Taliban- Gefangene

7. August 2001, 18:51
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Angeblichen Missionaren könnte im schlimmsten Fall die Todesstrafe drohen

Kabul - In Afghanistan verstärken sich die diplomatischen Bemühungen um acht festgenommene Ausländer, die Mitglieder der Hilfsorganisation "Shelter Now International" (SNI) sind. Vier Deutsche, zwei US-Bürger und zwei Australier sowie 16 Afghanen wurden von der Religionspolizei der islamisch-fundamentalistischen Taliban inhaftiert. Ihnen wird christliche Missionierung vorgeworfen.

Die Taliban-Regierung hat Kritik an der Festnahme zurückgewiesen: "Diese Leute haben unsere Religion und Traditionen schwer beleidigt", sagte der Staatssekretär des Ministeriums zur Förderung der Tugend und Verhinderung der Laster, Mohammad Salim Hakkani, am Dienstag in Kabul. Missionstätigkeit für das Christentum kann nach dem in Afghanistan geltenden islamischen Recht mit der Todesstrafe geahndet werden. Ob diese den acht Ausländern droht, ist nicht völlig sicher.

Fünf Jahre Gefängnis

Ein Dekret von Taliban-Anführer Mullah Mohammad Omar vom Jänner schreibt die Todesstrafe nur für Afghanen vor, die vom Islam abfallen. Für diejenigen, die eine andere Religion verbreiten, sieht das Dekret fünf Jahre Gefängnis vor. Andere Quellen sprachen dagegen auch am Dienstag von der Todesstrafe für Missionare. Neben den Festnahmen wurden 59 Kinder in ein Umerziehungsheim gebracht, wo sie nach Taliban-Angaben bleiben sollen, bis alle Spuren des Christentums getilgt worden seien. Entgegen internationaler Abkommen verwehren die Taliban den ausländischen Gefangenen jeden Kontakt zur Außenwelt. Das Internationale Rote Kreuz (IRK) bot die Betreuung der Inhaftierten an. Die deutsche Bundesregierung setzt sich indes intensiv für die Freilassung der festgenommenen vier Deutschen ein. Es sei bereits ein Krisenstab gebildet worden, hieß es aus dem Auswärtigen Amt in Berlin.

Diplomatisches Tauziehen

Die Botschaften der drei von den Festnahmen betroffenen Länder - Deutschland, Australien und USA - hätten in Islamabad ihr Vorgehen abgestimmt. Derzeit werde versucht, über das Internationale Rote Kreuz in Kabul Zugang zu den Inhaftierten herzustellen. Auch die Mission der UNO in Afghanistan sei eingeschaltet worden. Botschaftsvertreter aus Islamabad werden außerdem selbst nach Kabul reisen. Auch die US-Botschaft und der australische Außenminister Alexander Downer forderten Afghanistan auf, die Ausländer freizulassen.

Die in Afghanistan und Pakistan registrierte "Shelter Now International" ist eine Schwesterorganisation der in Braunschweig ansässigen "Shelter Now Germany" und hat nichts mit der gleichnamigen US-amerikanischen Organisation zu tun. Die vier Deutschen arbeiten laut dem Vizevorsitzenden von "Shelter Now Germany", Joachim Jäger, für die Braunschweiger Hilfsorganisation.

Vier Todesurteile verhängt

Unterdessen hat der er Chef der Taliban in Afghanistan, Mulla Mohammad Omar, am Dienstag vier Afghanen wegen Terrorismus zum Tode verurteilt. Sie sollen am Mittwoch auf einem zentralen Platz in der Hauptstadt Kabul öffentlich gehängt werden. Das meldete die private afghanische Nachrichtenagentur AIP im benachbarten Pakistan.

Neun weitere Angeklagte erhielten lebenslange Freiheitsstrafen. Omar sprach die 13 Männer schuldig, im vergangenen Jahr mehrere Bombenanschläge in Kabul verübt zu haben. (APA/DER STANDARD Print-Ausgabe, 8.8.2001)

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