Das Zeitalter der Denunziation

7. August 2001, 17:57
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Besorgt über die empörten Reaktionen auf Rudolf Burgers Essay "Irrtümer der Gedenkpolitik" äußert sich der Erstveröffentlicher, der Herausgeber der "Europäischen Rundschau" Paul Lendvai

Seit längerer Zeit versuchte ich den bekannten österrei-chischen Philosophen Rudolf Burger als Autor für die von mir mitbegründete und redigierte Vierteljahreszeitschrift Europäische Rundschau zu gewinnen. Ich war irritiert, dass sein kontroversieller und viel diskutierter Aufsatz Austromanie oder der antifaschistische Karneval in einer deutschen Publikation und nicht bei uns erschienen ist. So war ich froh, als er mich im Frühjahr anrief und einige Wochen später seinen Aufsatz über die Irrtümer der Gedenkpolitik - Plädoyer für das Vergessen zur Veröffentlichung in der Europäischen Rundschau anbot.

Ich habe den Autor kaum gekannt. Bei einem der vom damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky veranstalteten Dürnsteiner Gespräche traf ich ihn, so glaube ich mich zu erinnern, zum ersten Mal persönlich und polemisierte dort mit einigen seiner mir oberflächlich erscheinenden und zugespitzten Bemerkungen über Bosnien und die Bewertung der westlichen Politik. Dann traf ich ihn wieder bei einem "Philosophischen Mittagessen", zu dem Bundeskanzler Wolfgang Schüssel Wissenschafter und Publizisten eingeladen hatte.

Gehässige Reaktionen

Die Initiative ging also vom Autor aus, der auch einigen Kollegen sowie dem zuständigen STANDARD-Redakteur seinen Text (ohne mein Wissen) zukommen ließ. Im Einvernehmen mit Burger lud ich dann eine Reihe von bekannten Persönlichkeiten zu Stellungnahmen ein. Es war unerfreulich, dass noch vor der Veröffentlichung des ausdrücklich als Diskussionsbeitrag gekennzeichneten Burger-Aufsatzes bereits Stellungnahmen von nicht eingeladenen Kritikern Burgers eingelangt waren. Dann kam die groß aufgemachte auszugsweise Veröffentlichung im STANDARD, die wiederum eine Flut von kritischen und zum Teil gehässigen Reaktionen ausgelöst hat.

Manche stellten die Frage, warum die Europäische Rundschau diesen Aufsatz überhaupt veröffentlicht habe, und ob hier nicht ein bewusstes Zusammenspiel in der Marketingpolitik einer kleinen elitären Zeitschrift und einer Tageszeitung vorliegt. Wie mein seinerzeitiger kritischer Leserbrief nach dem ausführlichen Abdruck in dieser Zeitung bewies (DER STANDARD, 11. Juni), handelt es sich keineswegs um ein abgesprochenes "Übertreibungsspiel" oder gar um eine mediale Vorbereitung der Thematisierung von Verdrängung statt Erinnerung. Um unsere Entscheidung zur Veröffentlichung zu verstehen, nun einige Klarstellungen hinsichtlich meiner Person und der Zeitschrift.

In meinen Erinnerungen (Auf schwarzen Listen - Erlebnisse eines Mitteleuropäers, Goldmann Taschenbuch 2001) habe ich auf fast 400 Seiten Zeugnis über meine Erfahrungen unter der braunen und der roten Diktatur und auch über meine Haltung zu Österreich abgelegt. Ich war und bin diesem Land, trotz der Schatten der Vergangenheit und der realen Gefahren der Gegenwart unendlich dankbar. Vielleicht deshalb plädierte ich so engagiert - vielleicht zu engagiert - während der Waldheim-Krise 1987 und dann zur Zeit der EU-Sanktionen in Wort und Schrift für Gerechtigkeit für Österreich. Was meine Meinung betrifft, kann ich nur William Faulkner zitieren: "Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen."

In den Lagern der Nazis und den Gefängnissen der Kommunisten Ungarns habe ich aber auch begriffen, was Sir Karl Popper so formulierte: "Die Leute, die sich einbilden, dass sie die Menschen glücklich machen könnten, sind sehr gefährliche Menschen." Der Sinn für Maß ist nicht nur in der Politik, sondern auch im intellektuellen Diskurs eine Vorbedingung.

Kritische Analysen

Die im Sommer 1973 gegründete Europäische Rundschau versprach in der ersten Nummer sich als Forum der Diskussionen, "als eine Tribüne" für Autoren "ohne Rücksicht auf ihren politischen und ideologischen Standort, für unterschiedliche, ja scharf einander widersprechende Meinungen zu bewähren".

In diesem Sinne veröffentlichten wir zum Beispiel Anfang 1981 eine äußerst kritische Analyse des Kommentators (heute Chefredakteur) der Presse, Andreas Unterberger, über "die Gefahr der narkotisierenden Wirkung des Mythos Kreisky in der österreichischen Außenpolitik". Oder eine scharfe Abrechnung des Essayisten Karl-Markus Gauß mit den Versäumnissen der österreichischen Ostpolitik 1998 in einem von der damaligen Regierung mitfinanzierten und auch in Englisch und Französisch erschienenen Sonderheft anlässlich der Übernahme des Vorsitzes durch Österreich in der Europäischen Union. Die Erfahrungen haben seitdem leider seinen Pessimismus vollauf bestätigt!

Ich handelte auch in der Frage des Burger-Aufsatzes ähnlich. Eine der Stärken der modernen Demokratie besteht darin, dass jeder, wie Voltaire sich ausdrückt, die Freiheit hat, "schriftlich zu denken". Wir müssen, so sagt er, das Recht des Einzelnen verteidigen, der Öffentlichkeit seinen Standpunkt bekannt zu machen, auch wenn uns dieser Standpunkt mit Abscheu erfüllt, und wir dürfen ihn selbst nur durch das Wort und die Argumentation bekämpfen, niemals mit Gewalt oder Verleumdung; auf diese Weise zeichne sich das Prinzip der Toleranz ab. In diesem Sinne bin ich als Chefredakteur der Europäischen Rundschau ein Voltairianer. Abgesehen von der im Grunde vergeblichen Bitte an Burger, die Zahl der Fremdwörter zu reduzieren, haben wir nichts - überhaupt nichts - am Text geändert. Das Gleiche gilt natürlich für die zahlreichen und zum Teil sehr scharf formulierten Kritiken, die wir in unserem nächsten Heft abdrucken.

Bedrückende Debatte

Was mich in der Burger-Debatte und übrigens auch in den Auseinandersetzungen um die EU-Sanktionen und ihre Folgen aber bedrückt, ist die zu häufige Neigung zum Denunziantentum. Burger mag überspitzt und stellenweise missverständlich in äußerst heiklen Fragen formuliert haben. Geht es doch um Themen, über die fast am laufenden Band Konferenzen abgehalten oder Studien veröffentlicht werden. Zuletzt die lesenswerten Vorlesungen der israelischen Philosophin Avishai Margalit. Sie warnt übrigens: ". . . aus Erinnerung erwächst Rache, nicht weniger als Versöhnung, und die Hoffnung, mittels entfesselter Erinnerungen zu einer Katharsis zu gelangen, könnte sich als Illusion erweisen."

Im Fall Burger geht die Flut der Angriffe weit über den Rahmen einer zivilisierten Diskussion hinaus. Es werden offensichtlich auch alte Rechnungen beglichen. Der kürzlich mit dem österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnete Rudolf Burger wird hier und dort als eitler Ignorant und unqualifizierter Wirrkopf, als Dilettant und sogar als verkappter Antisemit dargestellt. Die Angriffe gehen ins Persönliche und verleihen einer scheinbar philosophischen - politischen - ideologischen Diskussion immer mehr den Anschein einer Hexenjagd, ja eines Vernichtungsfeldzugs. Es gab nur wenige ruhige Stimmen, wie die von Konrad Paul Liessmann, der versuchte, die Motive hinter dem Angriff Burgers auf die Instrumentalisierung und den Missbrauch der Erinnerungskultur und Gedenkpolitik aufzuhellen.

So manche hemmungslose Unterstellungen erinnern mich an die Charakterisierung des Denunziantentums durch den großen Maler Oskar Kokoschka aus einem Interview im Jahre 1965: "Der Mensch hat alle hässlichen Eigenschaften des Tieres, aber er hat eine, die ihn hässlicher macht als das Tier, Tiere bekämpfen sich, Singvögel selbst kämpfen um den winzigen Raum im Käfig, sie sind gierig und geizig, aber eines tun sie nicht: Sie denunzieren nicht. Durch die Denunziation unterscheidet sich der Mensch vom Tier. Von der Inquisition bis zu den Weltkriegen, vom Nationalsozialismus bis zum Kommunismus - am Beginn steht immer die Denunziation."

Wenn man davon ausgeht, dass es "weniger eine Banalität des Bösen gibt, als vielmehr eine Banalität der Gleichgültigkeit" (Margalit), dann könnte diese in diesem Umfang und in dieser Schärfe weder vom Autor noch von der Europäischen Rundschau vorgesehene Debatte über Vergessen - Verdrängen - Erinnern zur Klärung der Begriffe beitragen. Nicht nur "Applaus von der falschen Seite", auch die von tiefen persönlichen Ressentiments gegen den Autor geblendeten Anzeiger und Jäger der "politischen Korrektheit" könnten aber den notwendigen gemeinsamen Kampf gegen das Böse in der Vergangenheit und in der Gegenwart negativ beeinträchtigen.

Burgers hoher Preis

Rudolf Burger zahlt, so scheint es, einen hohen Preis für die "Bombe" (sein Ausdruck in unserem ersten Telefongespräch), die er gezündet hat. Letzten Endes glaube ich aber, dass die Veröffentlichung seines Textes, wenn auch vielleicht in einem ganz anderen Sinne, als es dem Autor möglicherweise vorgeschwebt ist, zur kritischen und so notwendigen Aufarbeitung der Vergangenheit beitragen könnte.

Die neue "Europäische Rund- schau" erscheint am 31. Juli. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. Juli 2001)

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