"Halt ich das durch?"

7. August 2001, 12:02
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"Zeitfluss": Grenzerfahrungen bei Musik von Morton Feldman

Salzburg - Wer im beginnenden 21. Jahrhundert Grenzerfahrungen erleben möchte, muss nicht auf den Mount Everest steigen oder einen Bungee-jump machen. Es reicht völlig, Morton Feldmans Komposition "For Philip Guston" zu hören: Viereinhalb Stunden wenige, extrem leise Töne von Klavier, Celesta, Metallophonen und Flöten sowie "mitkomponierte" Stille. Markus Hinterhäuser, Robyn Schulkowsky und Dietmar Wiesner spielten sich gestern, Montag, Abend bei "Zeitfluss" in Salzburg im Schüttkasten an die Schwelle des menschlich Machbaren heran.

Momente mit Ruhepausen

Wie kann man sich bloß so lange konzentrieren und dieses Stück interpretieren? Hinterhäuser auf diese Frage: "Es gibt einen Moment, wo dich das Stück trägt: Wenn die Coda mit dieser Melodie in den Glocken beginnt, quasi aus dem Nichts. Dann weißt du, das Stück geht langsam zu Ende und dauert nur noch etwa eineinhalb Stunden, das gibt dir Gelassenheit. Es gibt aber auch Einbrüche bei den Spielern, wo man fast weg driftet, 'Ruhepausen', die Feldman mit komponiert hat, wo das Ganze nicht so kompliziert ist, etwa mit dem Zählen."

Viel Nichts

Da schritten die drei also hoch konzentriert und gemessenen Schrittes durch diese hypnotische Klang-und-Stille-Installation. Etliche der Zuhörer gingen liegend mit auf die Reise, die hatten es wenigstens bequem, die Sessel-Benutzer gar nicht. Aber Feldmans Stück ist ja auch unbequem. "Viel Weniges" erklingt, auch "viel Nichts", immer gleich wenig und doch immer mehr, kurze Tonfolgen oder doch nur das Beharren auf einem einzigen, unangenehme Tonreibungen - eine beinharte Probe für jeden, am meisten für die Interpreten. Hinterhäuser an Klavier und Celesta, Schulkowsky an den Metallophonen(inklusive Glocken) und Wiesner an den Flöten leisteten das scheinbar Unmögliche, um diese Expedition zum Ziel zu führen. "Dann stehst du oben am Gipfel und stellst fest dass du etwas geschafft hast - als Spieler und als Zuhörer gleichermaßen", beschrieb Hinterhäuser diesen Moment.

Zwar hatten manche Zuhörer bereits nach einer Stunde aufgegeben, und nach etwa eineinhalb Stunden tauchten Fragen auf: "Schaff ich das?" und "Schaffen das die anderen?". Dennoch schafften es erstaunlich viele, bis etwa dreiviertel ein Uhr früh diese Expedition im "exterritorialen Bereich" (Hinterhäuser) mitzumachen - und sparten nach einer Pause der Stille nicht mit Applaus für die Musiker, und vielleicht auch für sich selbst. (APA)

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