Landläufige Chronik

7. August 2001, 20:41
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Mehr als nur "Fabulierfreude": Brasiliens Dichter Jorge Amado verstarb 88-jährig

Montevideo - An den größten lateinamerikanischen Autoren pflegt man deren "Fabulierfreude" zu loben, als handelte es sich dabei um eine dschungelbunte, nicht weiter verbindliche Marotte. Autoren wie Jorge Amado, der am Montag 88-jährig in Salvador de Bahia an einem Herzstillstand verstarb, gaben der Literatur des Kontinents hingegen deren soziale Schärfe zurück.

In Amados Werk sind es die Außenseiter, welche die angeblich unverrückbaren Verhältnisse in den suburbanen Armenvierteln Brasiliens erfolgreich auf den Kopf stellen. Wiederholt gerät die kleinbürgerliche Ordnung aus den Fugen, verfällt die Bigotterie der Lächerlichkeit, platzt unter peinlichem Gelächter das enge Sittenkorsett. Anna Seghers nannte Amado, den Chronikschreiber einer fortwährend sich umwälzenden Gesellschaft, den "Balzac" Lateinamerikas. Und in der Tat hat der Exkommunist sein bescheidenes Leben lang an einer "Comédie humaine" gearbeitet, an einem verwirrend bunten Webteppich der Irrtümer und Torheiten.

Amado, der zuletzt unter Arterienverkalkung litt und halb blind war, schrieb rund 40 Werke, die Geschichten aus dem Nordosten Brasiliens erzählen, dem "Armenhaus" des Landes. Amado verfasste zunächst sozialkritische Werke im belehrenden Ton. In den 50er-Jahren wurde sein Stil lockerer und humorvoller.

Viele seiner literarischen Personen sind schrullige Charaktere, die man trotz ihrer Widersprüche ins Herz schließt, wie Tieta do Agreste. Die Novelle, in der eine Lebedame aus der Stadt ein nordbrasilianisches Fischerdorf auf den Kopf stellt, war auch in deutschen Kinos mit der brasilianischen Schauspielerin Sonia Braga in der Hauptrolle zu sehen. Braga verkörperte zudem die Titelheldin in der Verfilmung von Dona Flor und ihre zwei Ehemänner. Amados Erfindungen sind Referenzpunkte des brasilianischen Selbstverständnisses.

Der 1912 auf einer Kakaofarm des ländlichen Bahia geborene Amado ging in der Provinzhauptstadt Salvador aufs Gymnasium und schloss sich bald einer Gruppe rebellischer Intellektueller an. Er schrieb Artikel in linken Publikationen, mit 19 Jahren Erzählungen und studierte in Rio de Janeiro Jura und Sozialwissenschaften. Fasziniert vom kommunistischen Parteichef Luiz Carlos Prestes verfasste er nicht nur eine Biografie des Revolutionärs, sondern schloss sich auch dessen Partei an. Militärdiktator Getulio Vargas verbot daraufhin einige Werke Amados und steckte den aufrührerischen Schriftsteller ins Gefängnis.

Dieser blieb seinen Überzeugungen treu und wurde 1945 zum KP-Abgeordneten Sao Paulos gewählt. Nach zwei Jahren verbot die Junta alle Linksparteien, Amado musste ins Exil gehen. Einige Jahre lebte er in Paris und in Prag. 1958 überwarf er sich mit den Kommunisten und lebte fortan nur noch für die Schriftstellerei.
(poh, weiss/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 8. 2001)

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