Nepals schlafende Hunde

6. August 2001, 22:37
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Eigentlich wollte sich Staudinger nur rächen. An den Hunden. Als er vor einem Jahr in Nepal war, haben ihn die Straßenköter von Kathmandu genervt. "In der Nacht", erzählt Staudinger, "haben sie geheult, als würde die Welt untergehen." Staudinger rächte sich auf seine Art. Er schoss. Freilich nur mit dem Fotoapparat. Denn im Grunde hat Staudinger, der Fotograph, nichts gegen Hunde.

Die Idee mit den Bildern und dem Katalog kam ihm später. In Wien. Als er seine Fotos ausarbeitete und er in die Tretmühle des westeuropäischen Geschäftslebens geriet. Es erschien ihm absurd, zwischen Terminen und Meetings, Bilder zu entwickeln, auf denen Hunde träge auf der Straße lagen. "Faule Hunde", sagt Staudinger. Dass sie am anderen Ende der Welt faul sind, spielt keine Rolle. Staudinger nimmt Worte wie "Globalisierung" nicht oft in den Mund.

Staudinger hatte eine Idee: Seine faulen Hunde, dachte er, würden am besten wirken, wo die moderne Welt am schnellsten ist. Bei Banken etwa. Oder Dotcoms. Oder an der Börse. Dort, wo "Menschen nicht artgerecht gehalten werden", sagt Staudinger.

Drum bastelte er einen Katalog: Auf den linken Seiten ein nepalesischer, fauler Hund. Auf den rechten die Selbstdefinitionen großer Firmen: "Die deutsche Bank hat das ehrgeizige Ziel, der beste Finanzdienstleister der Welt zu sein", beginnt es da etwa. Daneben schläft ein Hund. Staudinger, meint Staudinger, ist kein Revoluzzer. Er habe, meint Staudinger, eigentlich nicht geplant, Schreibtischmenschen zum Aussteigen zu bekehren. Er wollte sie bloß mit netten Bildern dazu bringen, sich zurückzulehnen und durchzuatmen. "Aber das", sagt Staudinger, "hat man mir bei keiner einzigen Firma geglaubt."

Mittlerweile hat sich Staudinger daran gewöhnt, dass die Bilder seiner schlafenden Hunden in Vorstandsetagen Ängste vor Computer Computer sein lassenden White-Collar-Workern wecken - und daraus eine Vision gebastelt: Jetzt träumt Staudinger davon, seine Hunde auf jene Netze drucken zu lassen, die als Staubfänger oft ganze Baustellenfassaden abdecken. "Ein schlafender Hund", sagt Staudinger, "der über hektische Straßen und hastende Menschen wacht - das wäre doch ein schönes Bild."

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