Journale fürchten um Freiheit der Forschung

6. August 2001, 20:56
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Medizinpublikationen gegen Pharma-Einfluss

Washington - Das gab's noch nie: Führende Journale der medizinwissenschaftlichen Forschung proben den Aufstand gegen die Medikamentenindustrie. In einem gemeinsamen Beschluss behalten sich medizinische Publikationen wie der Lancet und das Journal of the American Medical Association (JAMA) künftig das Recht vor, Forschungsergebnisse von gesponserten Studien nicht zu veröffentlichen, wenn den beteiligten Forschern nicht wissenschaftliche Unabhängigkeit garantiert ist.

Grund für den ungewöhnlichen Schritt, dessen Detailmaßnahmen Mitte September veröffentlicht werden: Die Redakteure der Journale sehen die Freiheit der Forschung in Gefahr. Pharmafirmen hätten bereits zu viel Einfluss darüber erlangt, ob und wie Studienergebnisse publiziert werden.

Die Washington Post veröffentlicht konkrete Fälle. So verlor die Ärztin Nancy Olivieri von der Universität Toronto ihren Forschungsvertrag mit der kanadischen Firma Apotex, als sie 1998 unerwünschte Nebenwirkungen von Deferiprone, einem Medikament gegen Blutkrankheiten, publizierte. Aufgrund einer Art Geheimhaltungsklausel hätte sie dies nicht tun dürfen. Apotex-Direktor Elie Betito bestritt den Zusammenhang und argumentierte, die Forscherin habe sich nicht an die im Studienprotokoll vorgesehenen Durchführungsbestimmungen gehalten.

Wissen behindern

Der Pharmakologin Betty J. Dong erging es nicht besser. Sie fand heraus, dass Generika (billigere Nachbauten) des Hormopräparats Synthroid genauso gut wirkten wie das Original. Das war bereits 1990. Der Hersteller, die Knoll Pharmaceuticals, behinderte die Veröffentlichung sieben Jahre lang.

"Es ist ein Riesenproblem geworden", stöhnt Frank Davidoff, Redakteur der Annals of Internals Medicine. Denn oft sind es Mitarbeiter der Medikamentenhersteller, die die Rohdaten der Studien sammeln und analysieren. Marcia Angell, Exchefredakteurin des New England Journal of Medicine, geht in ihrer Kritik noch weiter: "Nicht einmal der Erstautor sieht alle Daten."

Und: Oft habe sie, Angell, Manuskripte von gesponserten Untersuchungen erhalten, in denen just der Abschnitt zur Methode leer geblieben war.

Das Problem geht über die Medizin-Journale hinaus. Die Wissenschaftszeitschrift Science hatte zuletzt heftige Kritik auf sich gezogen, als sie sich mit dem Humangenom-Unternehmer Craig Venter zwecks Publikation seiner Forschungen verband.

(rosch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.08.2001)

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