Internet aus der Steckdose lässt weiter auf sich warten

7. August 2001, 11:44
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Vieles deutet gegen den Traum

Wien - Wie einfach wäre doch Internet in jedes Heim zu bringen, wenn der PC so problemlos wie ein "Babyphon" an die praktisch überall vorhandene Stromsteckdose angeschlossen werden könnte. Aber obwohl die Feldversuche, die der niederösterreichische Versorger EVN in 20 Haushalten durchführt, angeblich "erfolgreich und störungsfrei" verlaufen, kommt "Powerline" nicht vom Fleck.

Während Unternehmen sonst über zu viele Regelungen klagen, ist es bei Powerline paradoxerweise umgekehrt. "Mangelnde Rechtssicherheit" sei der Grund für die Verzögerung: "Jede neue Technologie braucht Rechtssicherheit, da beträchtliche Investitionen erforderlich sind", begründet EVN-Sprecher Stefan Zach im Gespräch mit dem STANDARD. Da Powerline Funkstörungen zeitigen kann, wollen die Energieversorger wie in Deutschland eine Verordnung, die Frequenzbereiche und Grenzwerte für Abstrahlungen festlegt.

Im Infrastrukturministerium stellt man sich hingegen auf einen sehr liberalen Standpunkt: Schon jetzt gebe es Grenzwerte für Abstrahlungen, die von allen Arten von Geräten eingehalten werden müssten. Bei Internet sei dies nicht anders, so der Rechtsstandpunkt des Ministeriums, die EVN und andere mögen loslegen und dafür sorgen, dass andere (wie Amateurfunker) dadurch nicht gestört würden. Andernfalls hafte eben der Betreiber.

Skepsis über das Potenzial

Aber hinter den unvereinbaren Standpunkten (EVN: "kein Streit") wächst die Skepsis über das Potenzial von Powerline, Internet massenhaft in die Haushalte zu bringen. Schon im Frühjahr zog sich Siemens überraschend aus der Entwicklung zurück, was als deutlichster Hinweis dafür gewertet wird, dass andere Internetanbindungen wie ADSL oder Kabel sinnvoller sind. "Technische und preisliche Unzulänglichkeiten", sekundierte vor kurzem eine Studie von Marktforscher Forrester, würden "den schnellen Erfolg verhindern". Gegenüber der DSL-Technik (beschleunigtes Internet via Telefonleitung) würde Internet aus der Steckdose unterliegen.

"Ich glaube nicht, dass Powerline funktionieren wird", sagt auch Michael Vesely, heimischer Geschäftsführer des internationalen Internetproviders Nextra. Abgesehen von technischen Fragen sehe er dafür einen einfachen wirtschaftlichen Grund: In den Städten gibt es für Breitband etablierte reife Technologien, die Powerline keine Chance geben. Und wo Breitband fehlt, auf dem Land, erfordert auch Powerline einen großen Infrastrukturaufwand. Denn jede Trafostation muss mit Glasfaser ans Netz angeschlossen werden, ehe die gewöhnliche Stromleitung die letzten Meter überbrücken kann.

(Helmut Spudich, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.08.2001)

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