Lateinamerika: Schwere Zeiten für die Demokratie

6. August 2001, 19:30
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Laut Umfrage halten nur 48 Prozent die Regierungsform für das beste System

Vor fünf Jahren erklärten sich 41 Prozent zufrieden mit der Demokratie, während es in diesem Jahr nur 25 Prozent waren. Die Direktorin des Instituts, Marta Lagos, zeigte sich bei der Vorstellung der Ergebnisse besorgt. Die Zahl der überzeugten Verfechter der Demokratie sei extrem niedrig, sagte sie. "Das Problem in Lateinamerika sind nicht die autoritären Regierungen, sondern die Schwäche der Demokratie." In Westeuropa beispielsweise hielten bei einer ähnlichen Befragung 78 Prozent der Menschen die Demokratie für das beste Regierungssystem. Für die Erhebung wurden zwischen April und Mai 18.135 Menschen in 17 lateinamerikanischen Ländern befragt.

Den demokratischen Regierungen in Lateinamerika ist es augenscheinlich nicht gelungen, die Bedürfnisse der Bürger zu erfüllen. Dies hat zum Teil damit zu tun, dass die Demokratie in vielen dieser Länder ein relativ neues System ist, das auf autoritäre Gesellschaftsstrukturen aufgepfropft und dementsprechend pervertiert wurde (El Salvador, Guatemala, Paraguay, Bolivien). Die Erwartungen der Menschen nach dem Ende der Diktaturen waren zudem manchmal unrealistisch hoch.

Einher ging die Demokratisierung mit neoliberalen Wirtschaftsreformen, mit denen zwar ineffiziente, aufgeblähte Staatsapparate gestutzt wurden, durch die aber auch Hunderttausende ihre Arbeitsplätze verloren. Zudem sind die meisten Volkswirtschaften der Konkurrenz auf dem Weltmarkt nicht gewachsen, was eine Desindustrialisierung der Länder zur Folge hatte (Peru, Argentinien). Der Schuldendienst hat den Handlungsspielraum der Staaten für Sozialpolitik verringert. Bei den Privatisierungen wirtschafteten viele Staatsbedienstete kräftig in die eigene Tasche. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffte weiter auf (Venezuela, Mexiko, Argentinien, Brasilien).

Lehrreich ist in diesem Zusammenhang, dass die Demokratie die höchste Zustimmungsrate in Uruguay (67 Prozent) und Costa Rica (61 Prozent) erhielt. Die beiden Länder haben die geringste Armutsrate, die geringste Gewaltkriminalität und das beste Ausbildungs- und Gesundheitswesen. Die schlechtesten Noten erhielt die Demokratie in dem mit den Nachwehen der Strössner-Diktatur hadernden Paraguay (23 % Befürworter) und dem Bürgerkriegsland Kolumbien (22 %).

Die demokratischen Regierungen der Region haben sowohl wirtschaftlich als auch politisch versagt. Wenn sie die Wahl hätten zwischen Wirtschaftsentwicklung und Demokratie würden 51 Prozent der Befragten Ersteres wählen - auch auf Kosten der Demokratie. Nur 25 Prozent gäben der Demokratie den Vorzug. Die zahlreichen Korruptionsfälle ihrerseits haben das Vertrauen der Menschen in die Politik erschüttert. So haben nur 24 Prozent der Befragten Vertrauen in das Parlament, 19 Prozent Vertrauen den politischen Parteien, und nur 17 Prozent schenken den Politikern Glauben. Am obersten Ende der Skala finden sich die Kirchen, denen 72 Prozent vertrauen, dem Fernsehen schenken immerhin noch 49 Prozent Glauben, gefolgt von den Streitkräften, die 38 Prozent für vertrauenswürdig halten. Diese falsche Vorstellung von der Rolle der Streitkräfte in einer demokratischen Gesellschaft sei bedenklich, sagte Lagos. 50 Prozent meinten denn auch, es sei ihnen egal, ob die Streitkräfte wieder an die Macht kämen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. August 2001)

STANDARD-Korrespondentin Sandra Weiss aus Montevideo

Die Demokratie verliert in Lateinamerika immer mehr an Wertschätzung. Heuer sagten nur 48 Prozent, sie hielten die Demokratie für das beste Regierungssystem. Vor fünf Jahren waren es noch 62 Prozent. Das ergibt die in Chile veröffentlichte Umfrage des Instituts "Latinobarometro".

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