Polen bangen um Hilfe nach dem Hochwasser

7. August 2001, 12:28
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Staatliche Unterstützung blieb bisher aus

Im Hochwassergebiet in Südpolen ist die Verzweiflung der Menschen groß, auch wenn keine Gefahr mehr durch Fluten droht. Noch ist die von der Regierung versprochene Hilfe für den Wiederaufbau nicht eingetroffen. Und viele zweifeln daran, dass sie tatsächlich die 6000 Zloty Soforthilfe erhalten werden.

6000 Zloty, das sind umgerechnet rund 22.000 Schilling (1600 Euro) oder drei Monatsgehälter. Damit kann man zwar kein Haus renovieren, aber zumindest einen neuen Kühlschrank kaufen, neue Betten und Matratzen.

In Trzesn, einem Vorort von Sandomierz in Südpolen, steht das Wasser noch immer in den Kellern. Doch fast alle Einwohner, die für ein paar Tage vor den Fluten in Sicherheit gebracht worden waren, sind bereits zurückgekehrt, um mit dem großen Reinemachen zu beginnen. Das meiste müssen sie wegwerfen.

Psychische Schäden

Eine junge Ladenbesitzerin ist besonders verzweifelt: "Die Margarine haben wir gerade noch retten können. Alles andere schwamm im Wasser. Ein Kühlschrank, zwei Tiefkühltruhen, Möbel - alles ist kaputt." Dazu kommt noch die Sorge um den fünfjährigen Sohn: "Das Kind hat alles gesehen und ist völlig verstört. Es will gar nicht mehr zurück nach Hause. Wahrscheinlich brauchen wir alle hier einen Psychologen.

Am Ortsausgang von Trzesn stinkt es unerträglich. Hier liegt der Friedhof. Das Hochwasser hat die Gräber unterspült. Zum Glück sind keine Knochen oder Skelette zum Vorschein gekommen, aber der Gestank ist kaum zu ertragen. Ein Mann im Schutzanzug, mit Helm und Sauerstoff-maske stapft wie in Zeitlupe über den Friedhof und spritzt die Gräber mit einem Desinfektionsmittel ab.

"Einfach schrecklich"

In sicherer Entfernung steht eine junge Frau und hält sich ein Taschentuch vor den Mund. Mehrere ihrer Verwandten sind hier begraben. Sie will sich lieber nicht vorstellen, wie es da unten in der Erde nun aussehen mag. "Das ist doch einfach nur schrecklich. Wer hätte je gedacht, dass das Wasser den Friedhof unterspülen könnte. Dass sogar die ewige Ruhe gestört werden könnte."

So wie in Trzesn, so sieht es in Tausenden kleinen Dörfern in Südpolen aus. Wann das Leben dort wieder normal wird, weiß niemand zu sagen. Vielleicht in einem Jahr. Und dann droht möglicherweise die nächste Flut. (DER STANDARD, PRint, 7.8.2001)

STANDARD-Korrespondentin Gabriele Lesser aus Warschau
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