"Mörderischer Sommer"

7. August 2001, 08:51
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Mehr als 300 Badende in Moskau ertrunken - meist ist Alkohol die Ursache

Die Moskwa, der Fluss, der die russische Hauptstadt durchzieht, sei nicht schlechter als das Mittelmeer, verkündete Wladimir Putin, als er jüngst von seiner Reise nach Genua zurückkehrte. Allerdings, kritisierte der russische Präsident, gebe es einfach zu viele Unfälle.

In der Tat: Diesen Sommer sind in Moskau bereits mehr als 300 Menschen beim Baden ertrunken. Der Sommer ist extrem heiß, tagelang zeigt das Thermometer zwischen 30 und 40 Grad. Die Folge dieses "mörderischen Sommers", wie ihn Angehörige der Rettungsdienste bezeichnen: Die hitzegeplagten Städter springen in jedes Fleckchen Nass, sei es die "mediterrane" Moskwa, ein Teich oder auch nur ein Springbrunnen.

Und der Durst ist bei diesem Wetter entsprechend groß. Die meisten der Ertrunkenen waren mehr oder weniger alkoholisiert. Betrunkene hätten das Gefühl, das Meer reiche ihnen nur bis zum Knie, sagt ein russisches Sprichwort.

Ein weiterer Grund für die vielen Badeunfälle ist laut den Rettungsdiensten schlichte Leichtsinnigkeit: junge Männer etwa, die imponieren wollen und sich zu Mutproben hinreißen lassen.

Ein wachsendes Problem ist außerdem, dass in Russland immer weniger Menschen schwimmen können, weil die meisten keinen Unterricht mehr bekommen. Gerade noch 20 Prozent der russischen Rekruten können sich selber über Wasser halten.

Kein Freibad

Nichtschwimmer oder schlechte Schwimmer sind in den teilweise trügerischen Gewässern der Stadt hilflos. Denn in Moskau wird nicht in überwachten und gesicherten Becken geschwommen, die Stadt hat kein einziges Freibad. Am Ufer der Moskwa, wo vorübergehend eines stand, thront heute die wieder aufgebaute Christerlöserkirche.

Gebadet wird im Fluss oder in einem der zahllosen Teiche der Stadt. Einladend ist beides nicht. Die Moskwa ist verdreckt, vor allem nachdem sie die Stadt durchquert hat. Viele der Teiche sind trübe Tümpel, die als Abfalldepot oder Autowaschgelegenheit dienen. Ist ein See grün vor Algen und mit einer Schicht aus leeren Flaschen, Öl und sonstigem Schmutz überzogen, besteht wenigstens die Hoffnung, dass das Schild "Baden verboten" ausnahmsweise beachtet wird.

Denn auch die Wasserqualität kann bei dieser Hitze gefährlich werden: Im 700 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Kasan sind mehr als 30 Menschen an Cholera erkrankt. Sie haben in einem verseuchten Tümpel von rund fünf mal 30 Meter gebadet. (DER STANDARD, Print, 7.8.2001)

STANDARD-Korrespondentin Zita Affentranger aus Moskau
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