Kims Jong Ils Stalin-Operette - Von Markus Bernath

6. August 2001, 18:54
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Seid gegrüßt, Erdlinge!", hat ein renommiertes Wirtschaftsmagazin über sein Titelfoto geschrieben, als Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il im Sommer 2000 freudig winkend erstmals ins Licht der Weltöffentlichkeit trat und seinen Amtskollegen aus Südkorea empfing. Kims zweiter Ausritt aus dem Präsidentenbunker von Pjöngjang nach Moskau ist bisher ähnlich außerirdisch verlaufen: eine Woche Zugfahrt durch Sibirien, unterbrochen nur von Besuchen in Rüstungsschmieden und Tierfarmen; ein Auftritt im Kreml, aus dem die Kommunisten längst vertrieben sind, garniert mit nichts sagenden Kommuniqués und einem alten Versprechen - keine weiteren Atomtests bis 2003.

Mit seiner Russlandreise im Stil einer Stalin-Operette, der Sucht nach dröhnenden Parolen, der Scheu vor der Öffentlichkeit hat Nordkoreas Staatschef neuerlich unterstrichen, wie weit sein Regime von den normalen Maßstäben entfernt ist, die heute im internationalen Umgang der Staaten gelten. Pjöngjangs Machthabern deshalb aber Irrationalität zu unterstellen wäre falsch. Kim Jong Ils Ziel ist die Normalisierung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den USA. Nur mit Washingtons Billigung könnte sein Land finanzielle Hilfe aus Japan, Westeuropa oder der Weltbank erhalten, die dazu geneigter wären als die USA.

Der Machtwechsel im Weißen Haus hat diesen Wunsch allerdings zunächst in die Ferne gerückt. Länger als ein halbes Jahr hat die Denkpause gedauert, die sich die Regierung Bush für die Neubewertung ihrer Koreapolitik verordnet hat. Immer noch steht auch die zweite Hälfte des Pjöngjang-Arrangements von 1999 aus - das Testmoratorium gegen die Aufhebung von US-Wirtschaftssanktionen und die Lieferung von Kernkraftwerken. (DER STANDARD Print-Ausgabe 7.8.2001)

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