Nahost: Der Gewinner heißt Hamas - Von Gudrun Harrer

7. August 2001, 12:32
4 Postings

Die jüngste Eskalation im Nahostkonflikt ist eindeutig von Israel ausgegangen

Man kann es drehen und wenden, wie man will, Schlagworte von "aktiver Selbstverteidigung" hin und Anschuldigungen wie "Tötungen jenseits aller Legalität" her (Washington Post, nicht gerade ein israelfeindliches Blatt), unter dem Strich bleibt nach der letzten Woche übrig: Die jüngste Eskalation des Konflikts im Nahen Osten ist von Israel ausgegangen. An die Einhaltung des Mitchell-Plans wird auch von israelischer Seite nicht mehr gedacht, er wird ganz massiv und systematisch verletzt.

Zwei Möglichkeiten

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, entweder ist Leichtfertigkeit im Spiel - das ist eher nicht anzunehmen -, oder das Ganze hat Methode, das heißt, die Konsequenzen werden zumindest in Kauf genommen. Die bestehen erstens einmal aus der Gefahr einer vermehrten terroristischen Tätigkeit in Israel: Auch wenn das von den Verfechtern der "Liquidationen" heftig bestritten wird, die Geschichte lehrt uns genau das.

Aber zweitens hat auch in den Palästinensergebieten selbst die israelische Tötungspolitik Folgen - und genau da wird die Frage nach den Absichten der israelischen Führung von Ariel Sharon spannend. Die Gerüchte, dass Sharon eines Tages die ganze Palästinensische Autonomiebehörde samt Yassir Arafat aushebeln könnte, wollen nicht verstummen. Die Möglichkeit einer totalen (partiell passiert sie ja immer wieder) Wiederbesetzung der palästinensischen Autonomiegebiete hat jedoch bisher beinahe Tabucharakter, in Israel und auch international. Im Moment scheint es fast so, als habe man sich dazu entschlossen, Arafats Autorität scheibchenweise abzuschneiden.

Nicht nur klassische Hamas-Anhänger

Denn es gibt einen großen Gewinner in den Gebieten nach den drei israelischen Anschlägen auf mutmaßliche palästinensische Terroristen in einer Woche: die Islamisten der Hamas. Auch Palästinenser, die an und für sich nichts mit religiös-fundamentalistischen Weltanschauungen am Hut haben, haben in den letzten Tagen mit den von Israel Verfolgten die Reihen geschlossen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass von den Palästinensern sowohl der gestrige Tote als auch Jamal Mansour, der vorige Woche mit sieben anderen Menschen starb, nicht dem militanten, sondern dem politischen Arm der Hamas zugerechnet wurde. Die Menschenmassen beim Begräbnis Mansours am Dienstag: Das waren nicht nur klassische Hamas-Anhänger.

Wenn sich die Palästinenser radikalen Bewegungen zuwenden, so ist das natürlich nicht nur das Resultat der israelischen Vorgangsweise, sondern auch das der katastrophalen Fehler der Führung von Arafat und Konsorten. Nicht nur der Mangel an Demokratie hat - wie überall in der arabischen Welt - die Menschen in das Lager der Islamisten getrieben. Auch gute Geschäfte mit den Israelis waren den palästinensischen Korruptionisten rund um Arafat oft wichtiger als ihr zukünftiges Palästina.

Arafat verliert Legitimation

Aber das ist verschüttetes Wasser. Für heute bleibt über, dass Arafat seine Legitimation mehr und mehr verliert, Fatah-Führer Marwan Barguti forderte am Montag, Hamas und Djihad in eine Einheitsregierung aufzunehmen, und Äußerungen von Abu Ala am Wochenende, es sei nicht ausgeschlossen, dass die palästinensische Führung überhaupt in den Untergrund gehen könnte, kommen nicht von ungefähr.

Dann wäre auch der Weg frei für die israelische Armee - ohne Aufschrei der internationalen Gemeinschaft. Israel hat momentan einen besonders schweren Stand: Es sind nicht nur die fast einhelligen Verurteilungen der Liquidationspraxis - denn auch was man (d. h. westliche Politiker) vielleicht versteht, kann man nicht verteidigen, wenn es so eklatant rechtswidrig ist. Es ist auch die Revision der Darstellung der Geschehnisse in Camp David vor einem Jahr, nach der die Weigerung Arafats, den israelischen Vorschlägen zu folgen, gleichbedeutend mit dessen Absage an den Frieden überhaupt war. Diese Wendung scheint aber den Groll gegen Arafat in Israel im Moment eher noch zu verstärken. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 7.8.2001)

Share if you care.