Sexuelle Orientierung beeinflusst laut Studie die Berufschancen

30. August 2001, 13:30
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dieStandard.at im Gespräch mit Studienleiterin Doris Weichselbaumer über die Hintergründe

An der Universität Linz wurde soeben ein Projekt beendet, das zum Ziel hatte, Arbeitsmarktdiskriminierungen aufgrund von sexueller Orientierung zu messen. In den letzten Jahren hatten amerikanische ÖkonomInnen herausgefunden, dass Schwule geringere Einkommen erzielen als ihre gleichqualifizierten, heterosexuellen Kollegen. Bei lesbischen Frauen verhält es sich jedoch nicht unbedingt gleich: In manchen Sparten verdienen Lesben mehr als ihre heterosexuellen Kolleginnen. Vor diesem Hintergrund entschied sich die Wissenschafterin Doris Weichselbaumer, mögliche Arbeitsplatzdiskriminierungen gegenüber lesbischen Frauen in Österreich zu untersuchen.

Arbeitsmarktexperiment

Sie führte ein Arbeitsmarktexperiment im Raum Wien durch, das testete, inwiefern Vorurteile gegenüber lesbischen Frauen bei der Stellenbesetzung bestehen. Gleichqualifizierte, fiktive Kandidatinnen bewarben sich um ausgeschriebene Stellen, wobei die Lebensläufe unterschiedliche Informationen über Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung aufwiesen. Während die Hälfte der Bewerberinnen in der Vergangenheit nebenberuflich bei einer schwul-lesbischen Organisation tätig war, hatte die andere Erfahrung in einem non-profit Kulturverein.

Weiters unterschieden sich die Bewerberinnen in ihrem Auftreten: Während die Hälfte ein maskulines Aussehen aufwies (kurzes, schwarzes Haar, Anzugjacke) und eine Vorliebe für entsprechende Freizeitaktivitäten besaß (Klettern, Motorrad fahren, Schlagzeug spielen), entsprach die andere Hälfte dem klassisch weiblichen Stereotyp: Im Aussehen langhaarig, blond und in eleganter Kleidung, mit den Hobbys Zeichnen, Entwerfen und Nähen von Kleidung.

"Outing hat gravierenden Einfluss auf Jobchancen"

Es stellte sich heraus, dass die sexuelle Orientierung einen gravierenden Einfluss auf die Jobchancen besitzt. "Outete" sich eine Bewerberin als homosexuell in ihren Bewerbungsunterlagen, so hatte dies zur Folge, dass circa 13 Prozent aller Firmen davon Abstand nahmen, sie zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen.

Die Geschlechteridentität hingegen konnte die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, nicht beeinflussen: Die femininen und maskulinen Bewerberinnen erfuhren von den Firmen keine unterschiedliche Behandlung.

Mit der Leiterin der Studie, Frau Doris Weichselbaumer, führte dieStandard.at ein kurzes Gespräch über die Rahmenbedingungen der Untersuchung:

dieStandard.at: Wie kamen Sie auf die Idee diese Untersuchung zu machen?

Weichselbaumer: In den letzten vier bis fünf Jahren gab es vor allem aus den USA aufschlussreiche Untersuchungen, die besagten, dass lesbische Frauen zum Teil mehr verdienen als heterosexuelle. Dies lässt sich dadurch erklären, dass homosexuelle Frauen weniger oft klassisch "weibliche" Geschlechterrollen annehmen. Auf der anderen Seite kommt es zu Fällen, in denen Frauen gerade aufgrund ihrer fehlenden "Weiblichkeitsattribute" diskriminiert werden.

dieStandard.at: Wie waren die Rahmenbedingungen ihrer Studie? Wie groß war ihr Team?

Weichselbaumer: Meine Assistentin und ich verschickten im Zeitraum zwischen 1998 und 2000 insgesamt 1226 Bewerbungen. Dabei gingen jeweils zwei Bewerbungen an eine Firma. Die Studie war in drei Durchgänge geteilt: Im ersten Durchgang verglichen wir die Chancen auf ein Bewerbungsgespräch zwischen einer "femininen" Heterosexuellen mit der einer maskulinen Heterosexuellen. Beim zweiten Mal waren es eine "feminine" Heterosexuelle und eine "maskuline" Lesbe. Beim letzten Durchgang stellten wir das Paar "maskuline" Heterosexuelle und feminine Lesbe gegenüber. Wir wählten Stelleninserate für BuchhalterInnen und SekretärInnen aus, da es in diesem Berufsfeld leichter fällt, standardisierte Bewerbungen zu verschicken. Außerdem gibt es in diesem Bereich die meisten Angebote.

dieStandard.at: Hatten Sie für die Konstruktion der Bewerberinnen-Identitäten irgendwelche realen Vorlagen? Warum haben Sie sich für solche Stereotype bezüglich der Geschlechteridentität entschieden?

Weichselbaumer: Die Identitäten der BewerberInnen war absolut fiktiv. Es ist richtig, dass die Identitäten gewissen Stereotypen entsprechen, insofern natürlich verstärkend wirken können. Auf der anderen Seite war es uns ein Anliegen, mit genau diesen Stereotypen zu arbeiten, auf dessen Grundlage Diskriminierungen im Berufsleben passieren.

dieStandard.at: Zu guter Letzt: Gab es abgesehen von Einladungen zu Bewerbungsgesprächen sonst noch Reaktionen seitens der Firmen?

Weichselbaumer: Ein Personalchef wollte mit unserer "femininen" Kandidatin ausgehen. Das musste dann natürlich verhindert werden.

dieStandard.at: Wir danken für das Gespräch! (red)

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