Afghanistan: UNO besorgt über Festnahme von Ausländern

6. August 2001, 14:50
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Deutschland fordert von Taliban Freilassung - Deutsche, US-Bürger und Australier mit Tod bedroht

Kabul/Islamabad - Die UNO hat sich besorgt über die Festnahme von Mitgliedern einer christlichen Hilfsorganisation in Afghanistan geäußert. In den vergangenen Monaten hätten ausländische Hilfskräfte zunehmend Schwierigkeiten in Afghanistan bekommen, sagte die UNO-Koordinatorin im benachbarten Pakistan, Letizia Rossano. Unter den 24 festgenommenen Mitgliedern der Organisation Shelter Now International (SNI) sollen den Angaben zufolge vier Deutsche, zwei US-Bürger und zwei Australier sein.

Den Festgenommenen wird vorgeworfen, das "Christentum zu propagieren". Darauf steht in Afghanistan die Todesstrafe. Aus der deutschen Botschaft in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad verlautete am Montag, es gebe Kontakt zu den Taliban.

Die in Afghanistan regierenden Taliban-Miliz hatte am Sonntag die Einrichtungen der SNI geschlossen und die 24 Mitarbeiter festgenommen. Die acht Ausländer hätten "ihre Verbrechen gestanden", sagte der stellvertretende Taliban-Führer Mohammad Salim nach Angaben von Radio Sharia. Die Festgenommenen hätten sich schriftlich entschuldigt.

Laut einem Dekret der Taliban werden Moslems, die zu einer anderen Religion übertreten, und Ausländer, die sie dazu verleiten, mit dem Tod bestraft. Seit 1996 regiert in Kabul die international geächtete radikal-islamische Taliban-Miliz. Mit ihrer Auslegung des Islam, die in der moslemischen Welt weithin abgelehnt wird, wollen sie Afghanistan zu einem Gottesstaat machen.

Die nicht staatliche Hilfsorganisation Shelter Now International kümmert sich in erster Linie um Flüchtlinge und baut Notunterkünfte. SNI wird unter anderem aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und vom UNO-Welternährungsprogramm unterstützt.

Vorwürfe gegen festgehaltene Ausländer klären

Die deutsche Bundesregierung hat das Taliban-Regime zur sofortigen Freilassung der vier in Afghanistan festgenommenen Deutschen aufgefordert. Der deutsche Geschäftsträger in Pakistan habe sich am Montag bei der Taliban-Vertretung in Islamabad für die am Wochenende wegen des Vorwurfs missionarischer Tätigkeit verhafteten Mitarbeiter der christlichen Hilfsorganisation Shelter Now eingesetzt, teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Berlin mit. Dabei habe er auch um gute Haftbedingungen gebeten.

Die vier Deutschen seien nach Angaben von Organisationen in Pakistan am Wochenende in Kabul von der afghanischen Religionspolizei verhaftet worden, sagte der Sprecher weiter. Mit ihnen seien ein Mann und eine Frau aus Australien, zwei US-Amerikanerinnen sowie mehrere Afghanen festgenommen worden. Nach afghanischen Angaben sind insgesamt 24 Mitglieder der Hilfsorganisation in Haft. Bis zum Montag durften die Festgehaltenen keinen Besuch empfangen.

In Haft bis zur Klärung der Vorwürfe

Bis zur Klärung der Vorwürfe sollen sie in Haft bleiben. Ein Sprecher des afghanischen Ministeriums zur Förderung von Moral und Verhütung von Lastern erklärte, eine Entscheidung werde nach islamischem Recht getroffen. Wie lange die Ermittlungen dauern würden, war nicht bekannt. Für die Verbreitung oder den Übertritt zu einer fremden Religion droht unter den Taliban die Todesstrafe.

Das Büro der Organisation in Kabul wurde nach einer Razzia am Sonntagmorgen geschlossen, wie Augenzeugen und die amtliche Nachrichtenagentur Bachtar übereinstimmend berichteten. Die Religionspolizei habe eine Bibel, zwei Computer sowie Kassetten und Musikinstrumente beschlagnahmt, meldete Bachtar. Außerdem sei christliche Literatur in einer Übersetzung in die örtliche Sprache sicher gestellt worden. Ebenfalls festgenommen wurden 64 Afghanen, die von der Organisation unterrichtet worden sein sollen. Die Männer hätten ihre antiislamischen Aktivitäten gestanden und seien in ein Umerziehungsheim eingewiesen worden.

Die Organisation Shelter Now mit Sitz in Deutschland leistet seit mehreren Jahren in Afghanistan humanitäre Hilfe. In den vergangenen Monaten hatten die Vereinten Nationen mehrfach auf Übergriffe auf Mitglieder von Hilfsorganisationen hingewiesen. Die Taliban haben diese Vorwürfe bislang zurückgewiesen. (APA/AP/dpa)

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