Sexuelle Belästigung von Soldatinnen wird oft vertuscht

6. August 2001, 20:47
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Deutschland: Im "Männerorden" Bundeswehr herrscht "reflexartige Solidarität"

Sexuelles Mobbing bei der Bundeswehr scheint handfeste Alltagsrealität zu sein. Die Soldatinnen sind mit einer Frauenfeindlichkeit konfrontiert, die sich meistens verbal veräußert - und System hat.
Wie der Spiegel Online in seiner Sonntags-Ausgabe berichtet, "gehört zur Bundeswehr offenbar eine besondere Form des sexuellen Schwadronierens".
Der sozialdemokratische Wehrbeauftragte des Bundestages Willfried Penner will in dem "Männerorden" Bundeswehr eine "reflexartige Solidarität" unter den männlichen SoldatInnen beobachtet haben und die weit verbreitete Neigung, sexuelle Übergriffe gegenüber Soldatinnen "zu vertuschen und zu verharmlosen".

Erst der Anfang

Seit der Öffnung der Bundeswehr-Laufbahn für Frauen zu Jahresbeginn sind an die 800 Soldatinnen in die Kasernen eingerückt, deren Anteil sich künftig auf acht Prozent auswachsen soll.
Nicht mehr nur im Sanitätsdienst und in der Militärkapelle zu finden, stellen Frauen nun eine ernstzunehmende Konkurrenz dar, wie den Hochrechnungen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr zu entnehmen ist:
Vor allem jüngere Zeitsoldaten im Heer, besagt eine Studie, lehnen weibliche KameradInnen in ihren Reihen ab, weil sie in ihnen eine Bedrohung der eigenen Karriere sehen.

Hilfestellungen

Willfried Penner hat nun eine eigene Telefonhotline für Opfer eingerichtet, über die er die eingehenden Fälle dokumentieren und öffentlich anprangern will. Bislang werden angehende Heeresanwärterinnen mit Broschüren auf die Bedingungen bei der Bundeswehr eingestimmt, in denen sie Auskünfte zu "Mutterschutz" und dergleichen finden - umgekehrt jedoch fand und findet wenig Sensibilisierung bei den männlichen KollegInnen in Bezug auf die neue Situation statt.
Was aber in der Broschüre ausgespart ist: Anschrift und Telefonnummer von "Ansprechstellen" bei "eventueller sexueller Belästigung am Arbeitsplatz".
Die Flottillenärztin Jutta Gohr arbeitet in der in der Broschüre wohl gemeinten "Ansprechstelle" in Bonn. Viele Anruferinnen, sagt sie, wußten die längste Zeit gar nicht, dass sie von dieser Seite Hilfestellungen in Anspruch nehmen können.
Den Frauen, hat die Flottillenärztin festgestellt, gehe es selten darum, die Belästiger disziplinarrechtlich zu belangen: "Die möchten eine Entschuldigung - und dass das aufhört." Doch direkte Einwirkungsmöglichkeiten hat Gohr nicht. Mit dem Erteilen von Ratschlägen und - auf Wunsch der Frauen - mit der Verständigung der für Innere Führung zuständigen Abteilungen im Ministerium ist ihr Kompentenzbereich erschöpft.

Gescheitert

Einen Versuchsanlauf zur Unterstützung von Soldatinnen unternahm der Generalinspekteur Harald Kujat vergangenen Dezember. Er erließ eine sechsseitige "Führungshilfe" mit dem "Verbot sexueller Belästigung". Ein "Gender training" sollte Offiziere "verhaltenssicher" machen. Die Maßnahmen wurden in der Truppe als "Frauenversteherkurs" bespöttelt.
(red)

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