Eva Rossmann: Fragen statt Antworten

20. Jänner 2002, 22:49
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In vielen Zeitfragen gebe es keine einfachen Antworten, meint Eva Rossmann, die zur Erarbeitung differenzierter Positionen rät

Fred Sinowatz hat einen sehr klugen Satz gesagt: "Es ist alles sehr kompliziert." Sinowatz wurde dafür verspottet und ausgelacht, vielleicht auch bloß, weil er ausgesehen hat wie einer, der eben keine Antwort kennt.

Die Reaktion wäre heute ähnlich, nur schärfer und beleidigender. Es scheint inzwischen politischer Grundkonsens zu sein, dass alle auf alles eine Antwort haben müssen. Die Antworten können verschieden sein, gleich ist ihnen, dass sie als einzig richtige zu präsentieren sind. PolitikerInnen als VerkünderInnen von absoluten Wahrheiten. Wer anderer Meinung ist, kann nur ein Ketzer sein. Diskussion wird unmöglich. Das Eingeständnis, dass es auf gewisse Fragen keine klare Antwort gibt, wird zur politischen Bankrotterklärung stilisiert.

Die blau-schwarze Regierung gießt ihre Antworten - egal wie unreflektiert sie sind, sie sind absolut -, so schnell es geht, in Gesetze. Speed kills - fragt sich nur: wen? Politisch Andersdenkende werden übertrippelt, aber das gelänge aufgrund der parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse nach einer Diskussion auch. Die Opposition reagiert mit der Verkündigung ihrer - missachteten - Wahrheiten und killt sich so die Chance, über differenzierte Positionen Menschen zu erreichen.

Mut zum Zweifel

Denn wir Alltagsmenschen haben gelernt, dass wir vieles nicht wissen, dass wir unschlüssig sind, dass es da und dort die richtige Antwort nicht gibt, sondern bloß den Mut zur ständigen Annäherung an sie. Dieser Mut bräuchte Unterstützung durch eine öffentliche Diskurskultur. Das Gegenteil bekommen wir präsentiert: Der am schnellsten und am gnadenlosesten seine Wahrheit absolut setzt und durchdrückt, hat gewonnen.

Deswegen hier für alle, die Fragezeichen nicht für das Eingeständnis von Dummheit oder Schwäche halten, einige bunt gemischte Themen, die ich für zu kompliziert halte, um die Wahrheit zu kennen.

[] Ist die so genannte "Sterbehilfe" straffrei zu stellen? Auf der einen Seite muss es das Recht auf Selbstbestimmung bis zum Schluss geben. Wenn ich nach gründlicher Überlegung nicht mehr leben will, aber um sterben zu können, Hilfe brauche: Warum sollten diese Helfer dafür bestraft werden? Auf der anderen Seite: Wer sagt denn, dass die Gesellschaft, das private Umfeld, nicht enormen Druck auf unbequeme Alte, Kranke, Behinderte aufbauen würde, sich gefälligst "entsorgen" zu lassen? [] Wie geht man am besten mit politischen Hetzern à la Haider um? Ignoriert man sie einfach, nimmt man ihnen die Chance, ihre Eitelkeit und ihre Geltungssucht ausleben zu können. Und man spart sich viel Zeit für wichtigere Themen. Doch darf man politische Provokationen, die zulasten von Naziopfern, von Menschen ohne österreichischem Pass, von Gruppen, die so zu sozialen Randgruppen gestempelt werden sollen, einfach übergehen? Toleriert man damit nicht Aussagen und macht sie "salonfähig"?

[] Soll die Karenzzeit verpflichtend zwischen Müttern und Vätern geteilt werden? Das würde endlich dazu führen, dass Männer die Pflicht (und Chance) hätten, sich um ihre kleinen Kinder zu kümmern. Jungen Frauen könnten nicht mehr länger gute Jobs mit der Begründung verweigert werden, sie bekämen womöglich Kinder und gingen in Karenz. Das gälte dann gleichermaßen für Männer. Aber, unsere reale gesellschaftliche Situation betrachtend, könnte das verpflichtende Karenzsplitting auch dazu führen, dass Männer trotzdem weiterhin nicht in Karenz gehen und Frauen mangels anderer Möglichkeit ganz aus dem Berufsleben aussteigen müssten?

[] Wie protestiert man glaubhaft und effizient gegen das AKW Temelín? Soll man die Gesprächsbereitschaft der tschechischen Seite suchen, ihr vielleicht auch viel Geld zum Ausstieg anbieten? Kann man - trotz der EU-Atompolitik - hoffen, dass alles besser wird, wenn Tschechien in die EU aufgenommen wird? Oder ist mangels Gesprächsbereitschaft der tschechischen Regierung und mangels entsprechender EU-Politik Totalkonfrontation angesagt - auch um den Preis, dass gewisse Gruppen damit gezielt Ausländerfeindlichkeit schüren?

[] Ist der Einsatz von Gentechnik in der Medizin ein Fortschritt, den es jedenfalls zu fördern gilt? Wer will sich die Chance auf neue Heilmethoden nehmen lassen? Niemandem steht es zu, Menschen mit lebensbedrohlichen Krankheiten Hilfe vorzuenthalten. Auf der anderen Seite jedoch ist zweifelhaft, ob und wie sich dann ein Schlussstrich dort ziehen lässt, wo es nicht mehr um Krankheit und Gesundheit, sondern um gestyltes, "gemainstreamtes" Leben geht. Denn allzu schnell könnten einige wenige darüber entscheiden, wie der perfekte Mensch zu sein und zu funktionieren hat - mit den entsprechenden Auswirkungen auf alles, was von dieser Norm abweicht.

Vielleicht ist die Sommerzeit eine gute Gelegenheit, einmal nicht Antworten, sondern Fragen zu suchen.

Eva Rossmann

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.8. 2001)

06.08.2001
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