"Kein Frieden und keine Sicherheit für Israel über unsere Leichen"

5. August 2001, 19:05
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Fatah-Führer Marwan Barguti ist für die Palästinenser ein Held, für die Israelis ein Terrorist

Ramallah/Wien - "Marwan Barguti verdient den Tod", sagte der israelische Vizesicherheitsminister Gideon Ezra am Sonntag im israelischen Radio. Der Raketenangriff, dem der Fatah-Führer und Chef der Tansim-Milizen im Westjordanland am Samstag nur knapp entkommen ist, habe aber trotzdem nicht ihm, sondern seinem Stellvertreter gegolten. Mahanned Abu Halawa, der der palästinensischen Eliteeinheit "Force 17" angehört, wird von Israel beschuldigt, an Terroranschlägen beteiligt gewesen zu sein; er wurde von den israelischen Raketen, die sein Auto zerstörten, verletzt.

Dem STANDARD versichert Barguti, von dem Bilder in schwer geschocktem Zustand im Fernsehen zu sehen waren, er habe auch jetzt keine Angst. Unmittelbar nach dem Attentat hatte er Vergeltung geschworen, "Sharon muss wissen, dass palästinensisches Blut genauso teuer ist wie israelisches", wiederholt er am Telefon.

Rache und Vernunft?

Gleichzeitig appelliert Barguti jedoch an "die Vernunft der Israelis, alles zu tun, bevor wir in die Hölle stürzen. Es liegt an Sharon, zwischen Krieg und Frieden zu wählen, wir sind immer für den Frieden da." Wie beides zusammengehen kann - Rache und Vernunft -, kann Barguti allerdings nicht erklären.

Barguti wiederholt die palästinensischen Forderungen: sofortiger Waffenstillstand, Entsendung von neutralen Beobachtern und Rückkehr zum Friedensprozess. Es gebe keine Alternative zum Frieden, "Sharon aber provoziert nur in Richtung Krieg. Aber er mag uns militärisch besiegen, Frieden und Sicherheit wird er niemals über unsere Leichen erreichen."

Dem Einwurf, dass die palästinensische Seite an der jetzigen Situation ja auch nicht unschuldig sei, widerspricht Barguti: "Wir verteidigen uns nur gegenüber der riesigen, überlegenen israelischen Kriegsmaschinerie, die uns töten will - und kann. Das ist ein großer Unterschied." Die Frage, ob sich die Palästinenser denn an einen Waffenstillstand halten würden, bejaht Barguti. Extremisten gebe es in beiden Lagern, dem israelischen und dem palästinensischen, "wir sollten sie in den Friedensprozess einbinden". (DER STANDARD, Print, 6.8.2001)

STANDARD-Mitarbeiter Raad Bayati
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