Schwebende Mythen und kehlige Gesänge

7. August 2001, 12:03
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Einkehr bei "Zeitfluss" mit Nono und Sufis

Salzburg - Zeit der Einkehr bei Zeitfluss, Zeit der Rückbesinnung auf Luigi Nono, den Schwiegersohn Arnold Schönbergs: Mit der Musik von dem italienischen Komponisten hatte das Festival 1993 nämlich begonnen. Insofern erinnert Io, Frammento da'Prometeo direkt an einen der eindrücklichsten Abende in der Geschichte von Zeitfluss, der auch zu den schönsten Erfolgen der Ära Gerard Mortier zu zählen ist: an die Aufführung des bahnbrechenden Musiktheaters Prometeo.

Denn Io ist als Vorstudie zu dieser "Tragödie des Hörens" zu betrachten. Und anzuhören. Erstmals hatte Nono in diesem rund fünfviertelstündigen Werk aus dem Jahr 1981 Chorsätze aus kunstvoll verschränkten Quinten erprobt, die überdies durch den behutsamen Einsatz von Elektronik zu ätherischen Raumklängen aufgefächert werden.

Die sparsam-dunkle instrumentale Schicht, gespielt von Bassflöte (Roberto Fabricciani) und Kontrabassklarinette (Ciro Scarponi), erinnert wiederum an Das atmende Klarsein, einem der ersten Stücke der späten, von Live-Elektronik dominierten Kompositionsphase Luigi Nonos.

Der Meister der elektronischen Aussteuerung, der langjährige Nono-Mitarbeiter André Richard, trat diesmal ausnahmsweise ans Dirigentenpult, um seinen Mitarbeitern vom Experimentalstudio des SWR Freiburg die Regelung der Klangbalance in der Salzburger Kollegienkirche zu überlassen.

Utopische Botschaften

Mit enormer Konzentration gelang es Richard, dem zwölfköpfigen Solistenchor Freiburg und den drei Sopransolistinnen (Katia Plaschka, Monika Bair-Ivenz und Petra Hoffmann), die utopische Botschaft Nonos zu vermitteln, die in dem meditativen Werk nicht zufällig auf Frauenstimmen in den höchsten, exponiertesten Lagen konzentriert ist: Denn Io reflektiert in kryptischen Textfragmenten das Schicksal der Tochter des Flussgottes Inachos, die, Ziel von Zeus' oft erprobtem Begehr, von der eifersüchtigen Hera kurzerhand in eine Kuh verwandelt wird.

Um Verwandlungen, Vergiftungen oder gar Verbrennungen kreiste ein weiterer Abend, der von Frauenschicksalen dominiert war: Die lange Sufi-Nacht demonstrierte zugleich auch, wie weit sich Zeitfluss in diesem Jahr von seinem ursprünglichen, ganz auf zeitgenössische Kompositionen konzentrierten Konzept entfernt hat.

Kontemplative Haltungen

Und doch ließ die bis in die frühen Morgenstunden dauernde Nacht mit den "Fakiren vom Schrein des Sha Abdul Latif" im Zeitfluss-Festzelt bei einiger Anstrengung einige Gemeinsamkeiten mit den Intentionen Nonos erkennen: Denn die innere Kraft, welche die fünf, sich mit gezupften Tamburas begleitenden Sufi-Sänger entwickelten, erinnert durchaus an Nonos stille und überwiegend kontemplative Musik.

Allerdings erleben die falsettierten Gesänge der pakistanischen Fakirgruppe eine geradezu ekstatische Steigerungsdramaturgie, die dem späten Nono wohl ziemlich fremd gewesen wäre: Beginnend mit besinnlichen Einstimmübungen, schwillt der hohe, kehlige Gesang der frommen Männer allmählich an, um in einem aufpeitschenden Kulminationspunkt von akzentuierter Rhythmik zu münden.

Ein sinniger Gegenton zu Nonos frei schwebender Esoterik, der dann auch groovige Rockrhythmen folgen sollten: Doch die amerikanische Gruppe "Dubadelic" erwies sich leider als höchst mittelmäßige Gruftie-Band, die Reminiszenzen an Hendrix, Led Zeppelin oder Greatful Dead in dröhnendem Sound erstickte. Da war Zeitfluss erstmals in ein trockenes Seitenbett mäandert.
(STANDARD-Mitarbeiter Reinhard Kager/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 8. 2001)

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