Augenkranke Wonneschauer

6. August 2001, 14:15
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Rar und bizarr: Tschaikowskys "Jolanthe" im Theater an der Wien

Wien - Die Geschichte selbst ist wunderschön. Jolanthe, die elfengleiche Königstochter, ist blind - aber sie weiß es nicht; ihr Vater und die Dienerschaft halten ihre Behinderung vor ihr geheim. Doch Jolanthe wird von Tag zu Tag trauriger, denn sie spürt, dass ihr etwas Wesentliches abgeht. Ein Arzt wird konsultiert, der meint, dass Heilung möglich wäre, wenn Jolanthe von ihrer Behinderung erführe und hierauf den festen Wunsch hätte, geheilt zu werden.

Ein junger Ritter, Vaudémont, dringt gewaltsam in den paradiesischen Garten ein, in welchem Jolanthe ihr überbehütetes Dasein fristet. König René will ihn dafür töten lassen, doch Jolanthe entschließt sich aufgrund ihrer Liebe zu Vaudémont - "in meiner Brust kommt Unruhe auf!" -, sich in Behandlung des Arztes zu begeben, und wird geheilt.

Wie bei allen guten Märchensujets ist die Geschichte noch um einiges interessanter, wenn man sie psychoanalytisch liest. Nimmt man die Fähigkeit zu sehen als Metapher für adoleszente Liebesfähigkeit, so wird schnell klar: Da geht es um einen despotischen Herrn Papa, der mit aller Macht verhindern möchte, dass seine Tochter sich vom Kind zur selbstständigen Frau entwickelt; erst die grenzenlose Liebe eines jungen Mannes entreißt sie endlich der "restriktiven" Umklammerung durch den Vater.

Zumindest diesen letzten Aspekt hat Peer Boysen in seinem Bühnenbild zu Tschaikowskys musiktheatralischem Letztling überzeugend veranschaulicht: Eine Plexiglasumzäunung trennt den zentralen Lebensbaum-Raum Jolanthes von der (zu eindimensional düster-feindlich dargestellten) Restwelt. Die einzige kluge Idee; ansonsten verbricht Boysen auf der Bühne lediglich einen kruden polystilistischen Wirrwarr ohne Sinn und Sinnlichkeit.

Die Personenführung des 44-Jährigen (Boysen führte unglücklicherweise auch Regie) pendelt ebenfalls zwischen Altbackenheit und Peinlichkeit: Die einem Michelangelo-Fresko nachempfundene Liebesberührung Jolanthes und Vaudémonts etwa schafft es locker in die Top Ten der skurrilsten Theaterbilder. Rätselhaft auch, weshalb Annette Beaufays Lichtbringer Vaudémont wie alle anderen in eine 08/15-Schwarze-Leder-Ritterkluft stecken musste. Wilhelm Honauer (Maske) kreiert dafür die schönsten Fetthaare überhaupt.

Süffiges Pathos

Vladimir Fedosejev und das Tschaikowsky Symphonieorchester Moskau produzierten routiniert süffige Pathos-Strecken und süßliches Herzschmerz-Sentiment; bei den Bläsern holperte es ab und zu ein wenig, das kuriose wagnerianische Bläservorspiel zum Beispiel geriet äußerst modest.

Olga Mykytenko war eine rührende Jolanthe, Piotr Beczala als ihr erregender Erretter und Wojtek Drabowicz als Robert fesselten darstellerisch wie stimmlich. Alles in allem: kein Lichtblick.
(STANDARD-Mitarbeiter Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 8. 2001)

Tschaikowskys "Jolanthe"
Noch am 8., 14. und 16. 8.
im Theater an der Wien
jeweils 20 Uhr
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