Zur Sprache des spirituellen Reichtums

5. August 2001, 21:16
posten

Religiosität als Thema der Hochschulwochen

Salzburg - Geist, Erfahrung, Leben war das Thema der diesjährigen Salzburger Hochschulwochen. Es ging um Spiritualität, aber dieses Modewort wurde im Titel bewusst vermieden, um nicht in den Geruch von Esoterik zu kommen. Wie der Obmann der Hochschulwochen, der neu gewählte Salzburger Rektor Heinrich Schmidinger, betonte, ging es darum, den spirituellen Reichtum des Christentums zur Sprache zu bringen.

Die Hauptvorlesungen, darunter eine durch Foucault und Derrida geschärfte Auseinandersetzung mit Nikolaus von Kues, hatten daher stark binnenchristlichen Charakter. Aber auch die Auflösung geschlossener kultureller und religiöser Welten kam zur Sprache. Sie kann zur Abkapselung religiöser Traditionen oder zum Eklektizismus führen. Viele suchen spirituelle Angebote außerhalb der gewachsenen Religionen, was sich ein boomender Markt zunutze gemacht hat.

Zur Begegnung

Die gegenseitige Beeinflussung der Religionen ermöglicht aber auch fruchtbare Begegnungen verschiedener spiritueller Traditionen. So vermittelte die Religionswissenschaftlerin und Theologin Bettina Bäumer, die seit 1967 in Indien lebt, in Salzburg Beispiele einer interreligiösen Spiritualität aus der Begegnung des Christentums mit dem Hinduismus.

Der Psychiater und Psychotherapeut Alfred Längle bestimmte Spiritualität als "erlebende geistige Offenheit für eine den Menschen und seine Existenz übersteigende Größe oder tragende Schicht", die Erlebnisgrundlage für jede Form von Religiosität ist; die einzelnen Religionen sieht er als Interpretationen, Ausformulierungen und Deutungen dieser Erfahrung. Musik als Weg, der über viele Kulturen und Zeiten hinweg den Körper für spirituelle Erfahrungen disponiert hat, vermittelte Roland Haas, Rektor der Universität Mozarteum. Er geht aus vom menschlichen Körper als einem hochrhythmischen Gebilde und den Möglichkeiten der Musik, in diese Rhythmen einzugreifen.

Eine aktive Auseinandersetzung mit Kultur, Kunst und Literatur gehört zur Tradition der Salzburger Hochschulwochen. In diesem Jahr gab es täglich ein "Kulturcafé" für Studierende, das allerdings hinter den Erwartungen zurückblieb und in der Beliebigkeit der Themenauswahl keinen roten Faden, sondern eher das katholische Getto erkennen ließ, in dem seine Veranstalter befangen sind.

Dichter als Hüter

Um die spirituelle Komponente von Literatur ging es vor allem in der Festrede des Münchener Germanisten Wolfgang Frühwald. Er ging von Canettis Bestimmung des Dichters als "Hüter der Verwandlung" und Bewahrer des Gedächtnisses der Menschheit aus. Frühwald redete der Erinnerung das Wort gegen eine theorielose Datenexplosion in den Wissenschaften und gegen die Beschleunigungsturbulenzen einer radikalisierten Modernisierung.

Er verwies vor allem auf Werke, die anonymen Opfern Gestalt geben und ihr Gedächtnis bewahren. Hier ortet Frühwald die gemeinsamen Widerstandspotenziale von Literatur und Religion. Auch in Salzburg nahm Frühwald gegen die Perfektionierung des Menschen durch Biotechnologie Stellung; er sieht in der Reflexion des Sterbens und der Freude am Schönen die beiden zentralen Bestimmungen des Humanen.

Für das kommende Jahr planen die Hochschulwochen eine Fortsetzung dieser Thematik: eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit den materiellen, biologischen, geistigen und politischen Ressourcen für das Überleben der Menschheit.
(STANDARD-Mitarbeiter Cornelius Hell/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 8. 2001)

Share if you care.