Experimente in einem Garten des Begehrens

6. August 2001, 19:05
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Neuenfels schickt "Così fan tutte" abermals in eine surreale Welt der Flora und Fauna

Wiederaufnahme eines gelungenen Mozart-Experiments: Hans Neuenfels schickt "Così fan tutte" wie im Vorjahr in eine surreale Welt der Flora und Fauna und erregt die Festspielgemüter nach wie vor. Applaus hingegen für das gediegene Ensemble und die Wiener Philharmoniker unter Lothar Zagrosek.


Salzburg - Ein Träumender, so er ein gutes Gedächtnis hat, kann manches erzählen. Ist er, wie Hans Neuenfels, Regisseur, kann er die Figuren, die seiner Obhut übertragen wurden, gleich aber in seinem Traum - es ist hier ein Mozart-Traum mit dem Thema Così fan tutte - auf Reise schicken. Sie führt die Figuren im Kleinen Festspielhaus natürlich zu Neuenfels, aber vor allem doch zu ihnen selbst, zu jenen Seelentiefen der Figuren, wo die Moral schmilzt und Verlockungen nachgegangen werden darf.

Es muss hier gleichsam das Unbewusste der Figuren Bild geworden sein. Denn in den Räume, die sie durchschreiten, waltet die Natur gleichsam vorzivilisatorisch, wimmelt es nur so von seltsamen Verführungswesen, surrealen Gestalten und märchenhaften Flora- und Fauna-Geschöpfen. Gleichzeitig versteht Neuenfels das Spiel um Treue als Experiment der Zwischenmenschlichkeit, an dessen Ende zu beweisen ist, dass es Amore nicht gibt.

Ein Menschenexperiment: Die vier, Fiordiligi, Dorabella, Ferrando und Guglielmo, sehen denn auch alle gleich aus und kommen, als Kunstwesen, aus Bilderrahmen und tragen weiße Schlabberhosen und Brustpanzer. Zweifellos stehen jene, die das Experiment überwachen, vorantreiben und als Reiseführer fungieren, außerhalb des symbolträchtigen surrealen Geschehens:

Don Alfonso (souverän Franz Hawlata) ist ein zynischer Zuhältertyp, der aggressiv zur Sache geht; und Despina (tadellos Maria Bayo) wirkt als tüchtige Geschäftsfrau der Liebe, als smarte Puffmutter, die jenen ihr anvertrauten Verwirrten gerne einschlägige Nachhilfestunden erteilt. Klar: Es geht hier um Zweisamkeit mit besonderer Berücksichtigung von deren Flüchtigkeit.

So sind am Ende alle verwirrt, voller Zweifel; wer zu wem gehört - das ist am Ende alles andere als entschieden. Nach dem Liebesspiel ist vor dem Spiel. Bis es so weit ist, jagt uns Neuenfels von einer Idee zur nächsten. Ihm fällt so viel ein, dass er aus diesem Così-Ideenfundus locker auch noch die Zauberflöte ausstatten hätte können. Und das ist ein bisschen ein Problem.

Mitunter nämlich wähnt man sich in einer Neuenfels-Nummernrevue, und mit Fortdauer der Handlung leidet selbige an der Bilderfülle. Zweifellos originell. Zweifellos ein echter Weltentwurf zu Mozart. Nur zu behäbig.

So geht der Zauber etwas flöten: Da landen sie im Blumen- und Blütenparadies, dann wieder in einer Eiszapfenhöhle. An anderer Stelle hüpfen ihnen Frösche etwas vor, dann wieder ziehen Hochzeitspaare an uns vorbei; gefiederte Wesen umgarnen die Damen, und die Herren haben gegen Engel mit Boxhandschuhen (mit Amadeus-Perücke) zu fighten.

Und sie alle werden von Soldaten mit Hühnerköpfen und Frau gewordenen Pilzen umgarnt: Vesselina Kasarova (als Dorabella), die vorzüglich singt; Catherine Naglestad (als Fiordiligi), die sich oft in Lautstärke flüchtet, aber nebst falschen Tönen auch Probleme in der Tiefe präsentiert. Auch der gediegene Rainer Trost (als Ferrando) und der tadellos agierende Natale de Carolis (als Guglielmo).

Die Philharmoniker unter Lothar Zagrosek entfalten (etwa Ende des ersten Aktes) gewaltige Energie, sind immer gut für delikate Feinzeichnungen. Sie klingen diesmal allerdings im exponierten Lautstärkebereich (ist es der Raum?) etwas hart. Dennoch: Es ist dies eine der besseren Mozart-Produktionen der Mortier-Ära. Sie regte übrigens, wie im Vorjahr, auf.
(Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 8. 2001)

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