Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt

6. August 2001, 09:18
posten

Experten machen Sommerflaute dafür verantwortlich

Berlin/Frankfurt/Hamburg - Die Arbeitslosigkeit in Deutschland dürfte weiter gestiegen sein. Aus Sicht des Chefökonomen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Wolfgang Scheremet, hat die Zahl der Arbeitslosen im Juli auf Grund der schwachen Konjunktur und der allgemeinen Arbeitsmarktschwäche unbereinigt um 100.000 auf 3,79 Millionen zugenommen. Die offiziellen Zahlen werden am Dienstag bekannt gegeben. Scheremet verwies darauf, bei der Zunahme um 100.000 Arbeitslose seien 80.000 auf saisonale Effekte, der Rest auf die Konjunktur zurückzuführen. Der DGB-Chefökonom fügte hinzu, die Zahl der Arbeitslosen sei auch saisonbereinigt gestiegen.

Nach Einschätzung eines Arbeitsmarktexperten der deutschen Wirtschaft könnte die Arbeitslosigkeit im Juli sogar erstmals seit April 1998 wieder über dem Niveau des Vorjahreszeitraums liegen. Wie der Experte im Gespräch mit vwd sagte, erwartet er insgesamt eine Arbeitslosenzahl von rund 3,81 Millionen. Dies würde ein Plus gegenüber dem Vormonat in Höhe von 115.000 und auch einen leichten Anstieg gegenüber dem Vorjahreswert von 3,804 Mill. bedeuten. Für Westdeutschland erwartet der Experte eine Zunahme der Arbeitslosigkeit um 70.000 gegenüber dem Vormonat auf 2,45 Mill. Personen (Vorjahr: minus 16.000), für Ostdeutschland ein Plus vom 45.000 gegenüber dem Vormonat auf 1,36 Mill. (Vorjahr: plus 22.000).

Von Bankenvolkswirten wird für den Juli ebenfalls ein weiterer Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet. Die meisten Analysten erwarten eine Zunahme der saisonbereinigten Arbeitslosenquote auf 9,4 (Juni: 9,3) Prozent; die nicht bereinigte Arbeitslosenquote wird bei 9,2 (8,9) Prozent gesehen. So rechnet Manuela Preuschel von Deutsche Bank Research mit einem saisonbereinigten Zuwachs von 25.000, unbereinigt wird sich die Zahl der Arbeitslosen im Juli gegenüber dem Vormonat um 107.000 erhöhen. "Wegen der anhaltenden Konjunkturschwäche wird sich der Trend der seit Jahresbeginn monatlich wachsenden Arbeitslosigkeit fortsetzen", meinte die Analystin.

Eine Trendwende dürfte erst bei Anzeichen auf ein wirtschaftliches Wachstum von zwei Prozent oder mehr einkehren, fügte Preuschel hinzu. Derzeit tendierten die Wachstumsprogosen aber eher in Richtung ein Prozent. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2002 die Zahl der Erwerbslosen auf 3,5 Mill. zu drücken, hält Preuschel indes für nicht mehr realistisch. Dies sei nur bei einem Wirtschaftswachstum von 2,0 bis 2,5 Prozent zu erreichen. Bei einer anhaltenden konjunkturellen Schwäche in Deutschland dürfte die Zahl der Arbeitslosen Ende 2002 eher 3,7 bis 3,8 Mill. betragen, was dem Niveau von Anfang 2001 entspräche und deutlich über dem Regierungsziel läge.

Die Auszahlung des Urlaubsgeldes in den Betrieben hat nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung vom Montag erheblich dazu beigetragen, das Defizit der Bundesanstalt für Arbeit im Juli um insgesamt 1,1 Mrd. auf 3,8 Mrd. DM (1,94 Mrd. Euro/26,7 Mrd. S) zu senken. Nachdem der Fehlbetrag im 1. Halbjahr wegen der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit noch 4,9 Mrd. DM betrug, konnte die Nürnberger Bundesanstalt laut "Bild" im Sommer durch die Auszahlung des Urlaubsgeldes knapp 300 Mill. Mehreinnahmen bei den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung verzeichnen. Nach Abzug des für heuer geplanten Bundeszuschusses von 1,2 Mrd. DM klafft im Haushalt der Bundesanstalt allerdings noch immer ein Loch von 2,6 Mrd. DM. Der CDU-Haushaltsexperte Dietrich Austermann erwartet laut "Bild" ein Jahresdefizit der Bundesanstalt für Arbeit von insgesamt mehr als 4 Mrd. DM. (APA/vwd/AFP)

Share if you care.