Europas neue Arbeitsteilung - Von Michael Landesmann

5. August 2001, 20:44
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Während sich vor dem Fall des Eisernen Vorhanges die Arbeitsteilung in Gesamteuropa nicht entwickeln konnte und stattdessen Produktions- und Handelsverflechtungen in West- und Osteuropa separat voneinander stattfanden, führten die wirtschaftlichen Integrationsprozesse zwischen West- und Osteuropa seit 1990 zu einem integrierten und intern differenzierten gesamteuropäischen Wirtschaftsraum.

Die Entwicklung der neuen Arbeitsteilung in Europa ist voll im Gange. Es wurde nicht auf den formalen Schritt der EU-Osterweiterung gewartet. Die Umorientierung der Handelsströme der zentral- und osteuropäischen Wirtschaften auf den EU-Wirtschaftsraum hatte sich bereits dramatisch in den ersten Jahren nach der Öffnung 1990/91 abgespielt. Heute exportieren und importieren die MOEL (mittel-und osteuropäischen Länder) etwa dieselben Anteile ihres Gesamthandels in die EU wie auch die EU-Mitgliedsländer miteinander (etwa 60 bis 70 Prozent). Die Integration durch Direktinvestitionen entwickelte sich in einigen Ostländern (z. B. Ungarn, Estland) auch sehr intensiv. Ebenso haben manche derjenigen Länder, welche in der ersten Phase weniger an den Direktinvestitionsströmen partizipiert haben (z. B. Tschechische Republik, Polen), in den letzten Jahren stark aufgeholt.

Daneben gibt es immer noch Beitrittskandidatenländer, welche entweder eine entmutigende Politik gegenüber ausländischen Direktinvestitionen verfolgt haben (Slowenien, Slowakei) und/oder noch klare Defizite in ihren Transformationsprozessen aufweisen (Bulgarien, Rumänien). Diese konnten bisher nur relativ geringe Direktinvestitionsflüsse an sich ziehen.

Differenzierung

Die gesamteuropäische Wirtschaft hat durch die ost-west-europäische Integration dramatisch an Differenziertheit zugenommen. Während innerhalb der EU durch eine längere Phase des Aufholprozesses der Kohäsionsländer (Irland, Portugal, Spanien, Griechenland) die Differenzierung in Pro-Kopf-Einkommen, Produktivitätsniveaus und Lohnsätzen zunehmend abgenommen hat, hat sich die Skala der Differenziertheit in dem neuen gesamteuropäischen Wirtschaftsraum dramatisch ausgedehnt. Die Ziffern der unterschiedlichen Produktivitätsniveaus in den Beitrittskandidatenländern in der industriellen Produktion (20-60 Prozent des EU-Niveaus) und von Lohnsätzen (5-40 Prozent des EU-Niveaus) sind wohl bekannt, wobei die Bandbreiten den dramatischen Differenzierungsprozess zwischen den Beitrittskandidatenländern anzeigen.

Was sind die Implikationen dieser dramatischen "vertikalen" Differenzierung? Ökonomen weisen seit jeher darauf hin, dass relative Kostenunterschiede (in unterschiedlichen Produktionsbereichen) eine der wichtigen Ursachen für internationale Integration (Handels- und Produktionsverschränkung) sind.

Diese bestimmen die relativen Spezialisierungsvor-und -nachteile der potenziellen Handelspartner und auch den potenziellen gesamtwirtschaftlichen Vorteil, welcher den Handelspartnern aus der Integration erwachsen kann.

Entscheidungen

Die erwachsenden internationalen Spezialisierungsmuster gelten nicht nur für Handelsintegration, sondern bestimmen auch länderübergreifende Produktionsentscheidungen von international produzierenden Unternehmungen.

Die Integrationsprozesse zwischen den Wirtschaften Zentral- und Osteuropas und der EU haben auch Überraschungen gebracht. Ökonomen hatten vorhergesagt, dass sich die MOEL besonders aufgrund des niedrigen Lohnniveaus auf arbeitsintensive Niedriglohnbereiche spezialisieren würden und sie es schwer hätten, in technologieintensivere Bereiche vorzustoßen. Elf bis zwölf Jahre nach Beginn des Transformationsprozesses kann man sagen, dass diese Vorhersagen nur teilweise durch die Entwicklungen in Zentral- und Osteuropa unterstützt wurden. Es ist richtig, dass das anfängliche Spezialisierungsprofil der MOEL dadurch bestimmt war, dass sich klare Defizite in technologie- und qualifikationsintensiven Bereichen abzeichneten.

Aufholjagd

Die jüngeren Tendenzen zeigen jedoch, dass in manchen Ländern der Region diese Defizite rapide abgebaut werden (ganz dramatisch ist dies in Ungarn der Fall). Dies impliziert, dass die Möglichkeit eines schnellen technologischen Aufholprozesses besonders im Exportsektor von zumindest einem Teil des Unternehmenssektors gut genützt wird und sich wahrscheinlich auch das Potenzial einer relativ ausgebildeten Arbeiterschaft zunehmend durchsetzt.

Wichtige Beteiligung

Eine sehr wichtige Rolle spielen hier Unternehmungen mit ausländischer Beteiligung. Während diese Tendenzen für die direkt an die EU grenzenden Länder und Regionen typisch geworden sind, werden ganz andere Tendenzen in denjenigen Ländern beobachtet, die aufgrund ihrer geographischen Lage und eines Nachhinkens im Transformationsprozess ins Hintertreffen geraten sind (besonders die Länder der Balkanregion). Hier halten sich dramatisch hohe Produktivitäts- und auch Lohndifferenzen mit dem Rest Europas und es verfestigen sich Spezialisierungsmuster, welche für Entwicklungsländer typisch sind.

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Michael Landesmann ist Wissenschaftlicher Leiter des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz
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