Willi Dorner: Es wird zu wenig nachgedacht im Tanz

5. August 2001, 23:16
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Wünscht sich Arbeits- bedingungen wie im Ausland

Wien - "Ich vermisse an Tanzstücken oft, dass die Zuschauer gefordert werden. Es wird viel zu wenig nachgedacht im Tanz." Für Willi Dorner sind Tanz und Bewegung Methoden, um Ideen darzustellen. Seit er sich vom Tanztheater und literarischen Themen entfernt hat und sich auf der Bühne mit philosophisch-theoretischen Fragen beschäftigt, zählt der 42-Jährige zu den international gefragtesten heimischen Choreografen. Der gebürtige Badener sprach über seine künstlerische Auffassung und sein neues Stück "threeseconds", das am Mittwoch (8.8.) im Rahmen des "ImPuls Tanz"-Festivals uraufgeführt wird.

Die Produktion "mazy", 1999 bei "ImPuls" herausgekommen und mit dem österreichischen Tanzproduktionspreis 2000 ausgezeichnet, markiert einen Einschnitt in Dorners Arbeit. Inspiriert vom französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty untersuchte Dorner darin die Zusammenhänge von Empfindung und Reflexion und machte, unter Einbeziehung von Video und Sprache, Sinnestäuschungen bewusst.

Das folgende Stück "back to return", beim Wiener Festival uraufgeführt, verstand sich als "Forschungsprojekt" zu Fragen der Wahrnehmung und wurde zusammen mit einem Medienwissenschafter entwickelt. In Gesprächsrunden konnten die Zuschauer im Anschluss an die Vorstellung ihre Eindrücke an die Compagnie rückkoppeln. Eigentlich hätte die Produktion als dreistündige "Ausstellung" präsentiert werden sollen, bei der das Publikum sich das auf drei Räume verteilte Geschehen in seinem eigenen Rhythmus erwandert. Aus Platzmangel konnte dieses Konzept bei der Uraufführung aber nicht verwirklicht werden.

"Threeseconds"

In "threeseconds" untersucht Dorner mit den Tänzerinnen Milli Bitterli, Helga Gußner und Julia Todd Bewegung als Sprachsystem und wendet dabei Analyse-Methoden der Linguistik an. Mit einem Augenzwinkern allerdings, "denn das funktioniert ja nicht", so Dorner. So werden etwa einzelnen Körperteilen Laute zugeordnet und Wortspiele, in denen jeweils ein Phonem und damit die Bedeutung des Wortes verändert wird, parallel in Bewegungs-Entsprechungen umgesetzt. Die Bewegungsfragmente werden dann wieder zu Gesten zusammengelegt, "einerseits abstrakte, andererseits solche, die wir sehr klar mit Gefühlen oder Zeichen identifizieren. Das sind dann alles Bilder, die etwas erzählen."

Das klingt zwar etwas trocken und verlangt dem Zuschauer Einiges an Kombinationsleistung ab, aber auch ein stolpernder Bewegungs-"Zungenbrecher" kann sehr lustig sein. Obwohl es Dorner nicht um bühnenwirksame Slapstick-Komik geht, sondern um die Frage nach der Freiheit innerhalb eines Sprachsystems, um die Suche nach einer individuellen Bewegungssprache.

Alexander-Technik

Zentraler Angelpunkt für Dorners Schwenk in Richtung Theorie war seine Ausbildung in der ganzheitlichen Alexander-Technik, die auf dem Zusammenhang von Denken und Wahrnehmung basiert. Es wird viel am Muskeltonus gearbeitet, die Verspannungen des Körpers werden bewusst gemacht. Dass dabei das Körperbild, das Dorner von sich selbst hatte, in Frage gestellt wurde, erscheint als eine Art Schlüsselerlebnis.

"Alexander sagt, man darf sich nicht nur auf seine Sinne verlassen, die sind Täuschung. Das führt dann zur Philosophie, zur Phänomenologie, zum Konstruktivismus und zum Sensualismus. Aussagen wie 'Ich fühle mich rund' lehnt Alexander als zu ungenau ab, und das unterschreibe ich auch. Das ist zu emotionell, zu diffus. Früher war meine Beziehung zum Körper sehr emotional, auch die Themen, mit denen ich mich beschäftigt habe. Für orthodoxe Alexander-Leute ist Alexander-Technik Denken. Es geht um die Kontrolle seiner selbst, damit man nicht seinen Gefühlen und Sinneswahrnehmungen ausgeliefert ist."

Tanztherapeut am AKH

Eine wichtige Station auf diesem Weg war auch Dorners Arbeit als Tanztherapeut am AKH. "Es gibt Formen von Zwangsneurosen mit extrem gestörten Verhaltensmustern. Diese Leute haben eine eigene Art von Sprache, die eigentlich irrsinnig spannend ist, aber zu einseitig. Um dieses System zu verändern, muss man es erst in verschiedene Komponenten zerlegen wie Zeit, Raum, Tonus, Schwere, Fluss - Aspekte, die auch für den Blick eines Choreografen wesentlich sind."

Willi Dorner studierte am Konservatorium der Stadt Wien im System Rosalia Chladek, das auf den natürlichen Möglichkeiten des menschlichen Körpers aufbaut, und bildete sich in Modern Dance, Contact Improvisation und Release Techniken weiter. Wesentlich geprägt hat ihn Mark Tompkins, in dessen Pariser Compagnie er tanzte. Große Bedeutung für seine Arbeit räumt Dorner auch der bildenden Kunst ein.

"back to return" wird als "Ausstellung" Ende September im österreichischen Kulturinstitut in New York gezeigt und danach im Museum of Modern Art in Massachusetts. "Es gibt internationales Interesse, weil man sieht, das ist ein konsequenter Standpunkt in der Tanzentwicklung, den man zeigen muss."

Arbeitsbedingungen wie im Ausland

Der Wermutstropfen ist, dass Dorner in Österreich keine Arbeitsbedingungen vorfindet, die dem Status entsprechen, den er erreicht hat. "Vom Spielbetrieb her sind wir wie eine Mittelbühne. Ich würde gern an einem Landestheater oder zum Beispiel ans Volkstheater oder Schauspielhaus gekoppelt arbeiten, mit einer fixen Company, aber mir laufen die Leute davon, weil ich kein Geld habe. In Frankreich etwa gibt es Companies mit Spielbetrieb, die auch ein Haus oder ein Centre Choreographique haben. In Österreich sehe ich nicht einmal einen Ansatz für eine solche Entwicklung. In England, wo ich sehr begehrt bin, gehe ich gehe jetzt für ein Monat auf eine residency. Eine englische Veranstalterin hat mich schon gefragt, warum ich nicht überhaupt nach England gehe." (APA)

"Threeseconds", Premiere 8.8., 21.00 Uhr, Folgevorstellung 10.8., 22.00 Uhr, MuseumsQuartier
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