Vulkanologen leben gefährlich

3. August 2001, 23:12
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Ist Wahrheitssuche oder Abenteuerlust schuld an den vielen Todesfällen?

New York - Es war ein schwarzer Tag für die Vulkanologie. Am 14. Januar 1993 bestiegen zwölf Forscher den über 4000 Meter hohen Vulkan Galeras, der über der kolumbianischen Stadt Pasto thront. Sie wollten erkunden, wann die nächste Eruption zu erwarten sei. Doch kaum am Gipfel angekommen, tat sich die Erde auf. Gesteinsbrocken schossen durch die Luft, Lavafontänen stiegen empor. Der Ausbruch zerfetzte drei Forscher, drei weitere erschlug Trümmergestein.

Eine Katastrophe für das junge Feld der Vulkanologie, zu dem sich weltweit rund 400 Forscher zählen. Die Wissenschafter überwachen rund 550 Vulkane, von denen alljährlich etwa 60 ausbrechen. Seit 1975 starben dabei nicht weniger als 29 Vulkanologen. Wer ist verantwortlich für die krasse Todesbilanz? Zwei Bücher haben jetzt das Unglück auf dem Galeras in den Mittelpunkt einer Debatte um die Berufsmoral der Vulkanforscher gerückt.

Adrenalinkick

In seinem Erlebnisbericht "Der Feuerberg", der im September auf Deutsch erscheint, rechtfertigt sich Stanley Williams, Vulkanologe an der Arizona State University und Leiter der Galeras-Expedition, so: "Unser Berufsstand muss Risiken eingehen, um so genau wie möglich Ausbrüche vorherzusagen und Tausende von Menschenleben zu schützen".

Für die Überzeugung hat er einen hohen Preis gezahlt. Der Eruption entrann er denkbar knapp - er brach sich beide Beine, ein Gesteinsbrocken schlug ihm ein Loch in den Kopf. Dabei habe es vor dem Ausbruch keine alarmierenden Vorzeichen gegeben, ist Williams überzeugt.

Doch die Seismometer an den Berghängen zeichneten Tage und Wochen zuvor Erdbebenschwärme auf. Das hätte den Forscher alarmieren müssen, argumentiert die Geologin Victoria Bruce in ihrem Galeras-Buch "No Apparent Danger". Sie porträtiert den Expeditionsleiter als wilden Draufgänger, der unverantwortlich mit dem Erdfeuer spielte. Williams selbst leistet den Angriffen Vorschub, indem er sagt: "Vulkanologen suchen, in unterschiedlichem Maße, den Adrenalinkick. Ich fühle mich nie so am Leben, wie wenn ich auf einen Vulkan steige."

Solche Cowboy-Mentalität teilen nicht alle Kollegen. Hans-Ulrich Schmincke, Direktor der Abteilung Vulkanologie am Geomar-Forschungszentrum in Kiel, distanziert sich davon: "Fast alle mir bekannten Wissenschafter gehen bei ihrer Arbeit an aktiven Vulkanen sehr umsichtig vor."

In der Tat ist nicht Forscherleichtsinn allein Ursache der Unfälle. Die Vulkane selbst gerieren sich höchst unberechenbar, obwohl die Vorhersage von großen Ausbrüchen weit gereift ist. Bei den kleineren allerdings hapert es noch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 8. 2001)

Von STANDARD-Mitarbeiter Hubertus Breuer
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