Der Märtyrertod des Jan Hus

3. August 2001, 22:32
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Eine Gesellschaft im Geiste des Evangeliums und die Selbstfindung der Tschechen waren die Ziele von Jan Hus. Dafür musste er auf den Scheiterhaufen.

Jan Hus wurde als Kind einer tschechischen Bauernfamilie 1369 im südböhmischen Husinec geboren. Von seinen Eltern für das geistliche Amt bestimmt, konnte er in Prag studieren und wurde dort zum Priester geweiht. Sein wacher Geist erlaubte ihm eine Karriere an der von Kaiser Karl gegründeten Universität, er hielt Vorlesungen und wurde zum Prediger an der Beth-lehemskapelle in der Prager Altstadt berufen; durch seine in der Volkssprache gehaltenen Predigten wurde er bei der tschechischen Bevölkerung Prags rasch beliebt.

In den Jahrzehnten zuvor hatte in England John Wyclif, Professor der Theologie in Oxford, an der Verweltlichung der Kirche, dem politischen Anspruch des Papsttums und dessen Finanzsystem in Wort und Schrift Kritik geübt; sein Eintreten für urchristliche Armut des Klerus und königliche Besteuerung der Kirchengüter richtete sich insbesondere gegen die hohen Kirchenfürsten, seine Ablehnung des Zölibats und des Mönchtums rüttelte an den Grundfesten der römischen Kirche. Zwar wurden seine Lehren durch eine Synode verurteilt, doch hatte dies für ihn persönlich nur die Folge, dass er sich in eine unbedeutende Pfarrei zurückziehen musste. Als der englische König Richard II. mit Anna von Böhmen-Luxemburg, einer Tochter Kaiser Karls IV., vermählt wurde, kamen auch etliche böhmische Studenten nach England und lernten Wyclifs Lehren kennen. Um 1398 wurde Hus von seinem Schüler Hieronymus mit Wyclifs Anschauungen vertraut gemacht, und er machte sich vieles davon zu Eigen. Jedoch sehr bald wurde deren Verbreitung an der Universität durch die Kirchenoberen verboten.

Hus' kritischer Geist wurde dennoch sowohl von König Wenzel als auch von Erzbischof Sbynko geschätzt. So hatte seine Untersuchung von angeblichen Wunderheilungen durch das Blut Christi zur Folge, dass Wallfahrten an den angeblichen Gnadenort untersagt wurden. Als sich der Streit zwischen Wenzel und den nicht böhmischen "Nationen" an der Prager Universität zuspitzte und schließlich zu deren Auszug führte (siehe die letzte Folge), dürfte Hus als Beichtvater der Königin Einfluss auf Wenzel ausgeübt haben, der "natio Boehmica" den Vorrang einzuräumen.

Da Hus in seinen Predigten den Wyclifschen Reformgeist nicht verleugnen mochte und die andauernde Kirchenspaltung das Elend der Kirche offenkundig machte, fand er beim Volk weit und breit Zustimmung. Hingegen wurde der hohe Klerus misstrauisch, weil er durch die Reformbestrebungen seine Posten und Pfründen in Gefahr sah. So kam es zum Bruch zwischen Hus und seinem Erzbischof, er wurde von diesem mit Vollmacht des nunmehr bereits dritten Papstes, der neben Rom und Avignon nun in Pisa residierte, mit dem Kirchenbann belegt.

Als die Prager Bevölkerung dennoch weiter dem Prediger Hus anhing, der seine Ansichten mit Mut und Ausdauer vertrat, wurde Prag von Sbynko mit dem Interdikt - dem Verbot der Abhaltung von Gottesdiensten - belegt. König Wenzel veranlasste Hus, Prag zu verlassen; auf Schlössern des Landadels verfasste er sein Werk "De Ecclesia" (Über die Kirche), in dem er seine theologischen und reformatorischen Ideen festhielt; die Ablehnung von kirchlichem Güterbesitz, überhaupt der Verweltlichung der Geistlichkeit und der Klöster, traf die Kirchenfürsten dabei ins Herz. Im Volk hingegen stießen diese Gedanken, die auch als Ablehnung der sozialen Ausbeutung der einfachen Leute durch den Klerus zu verstehen waren, auf breiteste Zustimmung, auch im Adel, der Interesse am Kirchenbesitz hatte, gab es Beifall. Und da Hus sich zugleich gegen den Einfluss der Deutschen wandte, das Tschechische hochhielt und durch Bibelübersetzungen wesentlich zu dessen Ausbildung zur einheitlichen Schriftsprache beitrug, muss er als Schöpfer eines frühen tschechischen Nationalbewusstseins angesehen werden.

Inzwischen war Sigismund deutscher König geworden, und er war gewillt, das zu tun, was sein Halbbruder Wenzel nicht vermocht hatte - die Kirchenspaltung zu beendigen. Er spann diplomatische Fäden nach England und Frankreich und gewann den in Pisa residierenden Papst dafür, ein allgemeines Konzil nach Konstanz einzuberufen. Um auch die böhmischen Wirren auszuräumen, lud er Jan Hus - der die geistliche Oberhoheit eines Konzils nie bestritten hatte - nach Konstanz ein. Trotz Warnungen, besonders angesichts der Tatsache, dass auch seine ärgsten böhmischen Feinde an den Bodensee eilten, beschloss Hus, seine Sache vor der Kirchenversammlung zu vertreten - hatte doch diese Einheit, Reform und Glauben als ihre Ziele erkoren.

Hus brach im September 1414 nach Konstanz auf, nachdem ihm der König einen Geleitbrief ausgestellt hatte. Ein böses Vorzeichen war, dass die Glaubenskommission in Konstanz die Lehren Wyclifs insgesamt als ketzerisch verwarf. Der Papst und die Kardinäle ließen Hus verhaften, Sigismund bemühte sich, wohl aus politischem Kakül, nicht um seine Freilassung, sondern sprach ihm nur zu, sich mit der Kirche zu versöhnen. In drei Verhören weigerte sich Hus standhaft zu widerrufen, er verlangte, durch die Bibel widerlegt zu werden, und erklärte die richterliche Kompetenz des Konzils für ungültig. Er wusste, dass er damit sein Todesurteil gesprochen hatte. Am 6. Juli 1415 starb er unter langen Qualen auf dem Scheiterhaufen für seine Überzeugung. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 4./5. 8. 2001)

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