Der Epilog ist der Roman

3. August 2001, 21:51
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Henning Mankells neuer Roman "Die rote Antilope"

Henning Mankells neuer Roman "Die rote Antilope" wagt geographisch zwar weite, inhaltlich-erzählerisch aber eher flache Sprünge. Von Ute Woltron

Henning Mankell behauptet von sich selbst gerne "mit einem Fuß im Sand, mit dem anderen im Schnee" zu stehen. Der schwedische Erfolgsautor und Theaterregisseur hält sich schon seit langem die meiste Zeit des Jahres über in Afrika auf, genauer in Maputo/Mosambik, und wie er selbst steht auch der Held seines neuen Romans mit einem Fuß im heißen Wüstensand des schwarzen Kontinents und mit dem anderen im kalten, unwirtlichen Schweden des 19. Jahrhunderts.

Die rote Antilope erscheint bei Zsolnay, kommt dieser Tage in den Buchhandel und wird von der Mankell-Fangemeinde bereits sehnsüchtig erwartet. Doch wer sich auf einen der außergewöhnlichen, in angenehm langatmiger Spannung herumpsychologisierenden Wallander-Krimis Mankells (u.a. Die fünfte Frau, Mittsommermord, Die Hunde von Riga) gefreut hat, der wird von diesem neuen Opus wahrscheinlich ein wenig enttäuscht sein. Zwar startet auch dieses Buch mit Mord, oder eigentlich mit dem Auffinden einer Leiche, doch Die rote Antilope ist kein Krimi im mankellschen Sinn, in dem die verschiedensten Erzählstränge mit nervenzerfetzender Bedächtigkeit erst aufgedröselt, dann wieder verknüpft und von Kommisar Wallander samt seinem Team schließlich zu einem soliden Flechtbild verwoben werden, das Mörder und Tat letztendlich plastisch hervortreten lassen. Die rote Antilope ist vielmehr die doch ziemlich einfach gestrickte Studie eines achtjährigen schwarzen Buben, dem die Weißen in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts alles rauben, was er besessen und was ihn ausgemacht hat. Erst erschlagen sie seine Eltern, dann verpflanzen sie ihn aus seiner Heimat nach Schweden, stehlen ihm damit seine Kultur und bringen ihn mit dieser vermeintlichen Mitleidstat schließlich um das Leben.

Mankell erklärt die Welt aus der Sicht des Afrikaners, der sich im eisigen neuen Land nach der Wärme des heimatlichen Sandes sehnt, der noch nie im Leben Schuhe getragen, Schnee gesehen, das Meer gerochen hat. Und er erzählt über die Gefühle des Kindes, das allein gelassen in der Fremde von seinen Eltern träumt, von Be, seiner Mutter, und Kiko, seinem Vater: "Wenn er morgens aufwachte, konnte er sich an nichts anderes erinnern als an Dunkelheit. Es war, als hätte sich in seinem Kopf eine unsichtbare Bergkette aufgetürmt. Irgendwo dahinter waren Be und Kiko."

"Ich sehe den Jungen vor mir, mutterseelenallein auf den lehmigen Äckern in Schonen, im Nebel", erklärt Mankell, "Wie er dasteht und horcht nach den Trommeln in der Ferne. Seine Ohren hören nichts als das Rascheln der Blätter in den Baumkronen und das Krächzen der Krähen. (...) Für mich liegt hier der tiefere Sinn dieser Geschichte. Es ist, als stünde dieser Junge auf der anderen Seite des Lebensflusses, winkt uns zu und erinnert uns daran, dass der gute Wille allein nicht ausreicht, um anderen Menschen zu helfen - er muss von Vernunft begleitet sein." Allein, der gute Wille Mankells, in die Haut des Buben zu schlüpfen und die kalte neue Welt mit seinen Empfindungen zu spüren, reicht ebenfalls nicht aus, um 380 Buchseiten wirklich zu füllen.

Zu langatmig, zu wenig dicht, zu repetitiv, gelegentlich sogar zu banal ist ihre Wiedergabe. Die Geschichte Molos, den sein neuer schwedischer Vater und Entführer Daniel nennt, der Schwedisch mit dem Satz "Ich heiße Daniel, ich glaube an Gott" lernt, und der so gerne wie Jesus auf dem Wasser laufen könnte, um endlich wieder in die Wüste und nach Hause zu gelangen, versickert irgendwann zwischen den Zeilen und Formulierungen wie Tauwasser im schonischen Boden.

Zwischen den Alkoholexzessen des Adoptivvaters und den verschiedenen Stationen der Odyssee durch Schweden hält Molo, alias Daniel, die Erinnerung an seine eigentliche leibliche Familie, verborgen vor allen anderen, lebendig. Vor allem die Felszeichung der roten Antilope, an der sein Vater gerade arbeitete, als er ermordet wurde, die will und muss er irgendwann fertig stellen. Und er vollendet sie gewissermaßen auch, und dieser späte Abschnitt des Romans ist noch der berührendste und dichteste.

Dann wäre da noch der Mord, ach ja, der Mord am Mädchen, mit dem die Erzählung in ihren Rahmen gespannt wird: Er wird aufgeklärt, doch nicht gesühnt, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn, und auch hier blitzt zwischen den Zeilen - endlich - eine inhaltliche Qualität auf, die dem restlichen, durchaus wohl formulierten Buch größtenteils schmerzlich ermangelt. Irgendwie lebt hier nichts wirklich, irgendwie ist Stroh, was hätte Weizen sein können.

Mankell hat seinem Roman aber einen kleinen, ganz besonders feinen Epilog hintangestellt, und auf diesen sechs kurzen Seiten pulsiert das Leben intensiver, schöner und schmerzlicher als in dem gesamten vorangehenden Haupttext: Ein Mann fährt mit dem Jeep durch die Wüste, er nähert sich in der Einöde der namibischen Grenze. Er steigt irgendwann aus, um sich zu erleichtern: "Am Horizont trafen sich Himmel und Erde in einem farblosen Dunst." Eine Gruppe Menschen bewegt sich "schnell, in einer langgezogenen Linie" durch die Wüste auf ihn zu. Sie bleiben stehen. Einer von ihnen, ein alter Mann, spricht Englisch. Der Reisende erzählt der Gruppe Einheimischer die Geschichte von Daniel, der einer der ihren und vor langer Zeit verschleppt worden war. Er zeigt ihnen eine uralte Fotografie. "Jetzt wurde die Fotografie von den Menschen im Sand herumgereicht. Dabei hatte er ein Gefühl, als sei das, was sich vor ihm abspielte, ein religiöses Ritual.

Als er das Bild zurückbekam, begann der alte Mann zu sprechen. Er suchte lange nach Worten, als sei es ihm wichtig, dass alles, was er sagte, genau stimmte.

Der alte Mann bedankte sich. Dafür, dass er mit dem Auto den ganzen langen Weg aus dem Land gekommen war, dessen Namen er nicht aussprechen konnte, und Daniels Geist in die Wüste zurückgebracht hatte, an den Ort, wo er hätte leben und auch begraben werden sollen.

Als der Mann verstummte, stand eine Frau auf, sie trug ein sehr kleines Kind auf dem Rücken, und sie kam herüber und stellte sich vor ihn hin. - Her name ist Be, sagte der alte Mann." []

(DER STANDARD;Album, 4/5 August 2001)

Henning Mankell, Die rote Antilope. öS 329,-/ EURO 23,90/ 380 Seiten. Zsolnay, Wien 2001. (ab 7.8. im Handel)
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