Nawal El Saadawi, von den Islamisten verfolgt

3. August 2001, 21:23
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Gudrun Harrer über die ägyptische Feministin und "Ketzerin"

"Das geschriebene Wort wurde für mich zu einem Akt der Rebellion gegen die Ungerechtigkeit, die im Namen der Religion oder der Moral oder der Liebe verübt wird", schreibt die ägyptische Feministin Nawal El Saadawi in ihrer Autobiografie Eine Tochter Isis'. Die Rebellion hat die 70-Jährige keinen Moment ihres Lebens verlassen. Zuletzt stand sie vor Gericht, weil es einem islamistischen Rechtsanwalt gefiel, darauf zu klagen, dass sie zwangsgeschieden werde, von ihrem Mann und Mitstreiter Sherif Hetata, mit dem sie seit 37 Jahren verheiratet ist.

Die Möglichkeit dazu gibt das islamische Recht unter dem Namen "Hisba": Jeder Muslim darf klagen, wenn er meint, dass der islamischen Gemeinschaft Schaden zugefügt wird. Ein solcher ist gegeben, wenn eine vom Glauben abgefallene Muslimin - wie angeblich Saadawi - mit einem Muslim verheiratet ist.

Als 1993 gegen den Sprachwissenschafter Nasr Abu Zeid wegen seiner Koranforschungen aus dem gleichen Grund eine Zwangsscheidungsklage eingebracht wurde, lachte noch ganz Ägypten; als 1996 die Ehe der Abu Zeids gegen ihrer beider Willen als aufgelöst erklärt wurde, nur noch die Islamisten. Hunderte Klagen, darunter gegen den Nobelpreisträger Naguib al-Mahfuz, folgten. Sie - und Saadawi - entkamen dem Urteil, weil heute nur noch der Generalstaatsanwalt solche Klagen einbringen darf - für viele Liberale, die sich die Abschaffung der Hisba wünschen, keine große Beruhigung.

Zur "Ketzerin" wurde Saadawi, weil sie in einem Interview über die heidnischen Wurzeln der Mekka-Wallfahrt, gegen die Polygamie und für eine Reform des für Frauen diskriminierenden islamischen Erbrechts gesprochen hat. Die Psychiaterin und Autorin von 36 Büchern (vier davon bei der letzten Buchmesse in Kairo verboten) stammt aus einfachen Verhältnissen, erzählt aber, dass ihre Mutter sie von allen Hausarbeiten befreite, damit sie lernen konnte. In den 70er-Jahren wurde sie als Feministin aktiv, unter Sadat saß sie auch einmal kurz im Gefängnis. Wenig später stand ihr Name bereits auf der schwarzen Liste derer, die Sadat umgebracht hatten, der Islamisten. Deshalb verließ sie 1990 für sieben Jahre Ägypten, dazu ist sie heute trotz aller Gefahren nicht mehr bereit.

Der Anwalt, der ihre Scheidung betrieb, hat auch schon Bill Clinton und einige israelische Politiker verklagt: Er wird in Ägypten als übertrieben geltungsbedürftig abgetan, andererseits ist aber auch Saadawi wegen ihrer Provokationen nicht beliebt, außer bei liberalen Intellektuellen natürlich. Ihr Mann, ebenfalls Arzt, Autor und Feminist (und ihr Übersetzer ins Englische), steht eisern zu ihr. Mit ihm hat sie einen Sohn, aus einer ersten Ehe eine Tochter.
Gudrun Harrer

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.8. 2001)

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