Hinter Skopje beginnt das Land der UCK

4. August 2001, 14:50
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Die Freischärler sind der Trumpf der Albaner-Parteien bei den Verhandlungen über Mazedoniens Zukunft

Fährt man von Mazedoniens Hauptstadt Skopje in Richtung Westen nach Tetovo, ragen hinter der ersten Kurve nach dem Stadtende die ersten Minarette in die Höhe. Hier beginnt der fast rein albanische Siedlungsgürtel, der sich wie ein Halbmond über Tetovo und Gostivar bis Debar an der Grenze zu Albanien hinzieht. Von der Autobahn aus sind in diesen ersten albanischen Dörfern mit freiem Auge aufgetürmte Sandsäcke zu sehen. Bewohner zeigen sich in der Augusthitze keine. Doch für jeden ist klar: Hier beginnt das UCK-Land.

Nachdem Mitte März die Freischärler der Nationalen Befreiungs-Armee (UCK) überraschend die Burg von Tetovo besetzt und wieder geräumt hatten, suchte man in den Dörfern rund um die zweitgrößte Stadt vergebens nach Uniformierten der vom Kosovo aus gelenkten Untergrundarmee. Von den Dorfbewohnern hatte niemand etwas gesehen, gehört oder sonstwie wahrgenommen.

Heute bietet sich ein völlig anderes Bild. Die alte Landstraße zwischen Tetovo und Gostivar ist von Checkpoints der UCK gesäumt. Die Männer sind mit Kalaschnikows bewaffnet und in schwarze oder Camouflageuniformen gekleidet. Gelegentlich führen sie Fahrzeugkontrollen durch. Sie sind hier jetzt die Ordnungsmacht. In dieser Gegend florierten bisher Frauenhandel und Prostitution. Wie man erzählt, haben die Männer in Schwarz die Nachtlokale geschlossen und die Frauen nach Hause geschickt.

"Gegen eigenes Volk"

Die UCK-Kämpfer bestreiten, dass sie das Land territorial spalten wollten. Der 25-jährige Zirab Alimani am UCK-Kontrollpunkt im Dorf Pirok diente bis vor zwei Monaten bei der mazedonischen Polizei. Er quittierte den Dienst, weil er "nicht mehr weiter gegen das eigene Volk verwendet werden" wollte. Als mazedonischem Polizeibeamten war es ihm verboten, mit albanischen Bürgern auf Albanisch zu reden. Alimani ist optimistisch, dass die slawo-mazedonischen und die albanischen Parteienvertreter bei ihren Verhandlungen in Ohrid eine politische Einigung zustande bringen. So dies geschieht, sieht er seine weitere Zukunft erneut bei der mazedonischen Polizei. "Wir wollen nicht die Separation, sondern die gleichen Rechte im Rahmen des bestehenden Staates", sagt er.

Die UCK stellt sich als straff organisierte und disziplinierte Streitmacht dar. An der Spitze steht der Mazedono-Albaner Ali Ahmeti, der im Südkosovo sitzt. Etliche Kommandeure haben Kampferfahrung aus dem Aufstand der kosovo-albanischen UCK von 1998/99. Die seit 26. Juli geltende Waffenruhe wird nur sporadisch gebrochen.

Vor Verkündung des Waffenstillstandes war man kurz davor, Tetovo einzunehmen. "Wir hätten noch zwei Stunden gebraucht", erzählt ein UCK-Offizier in einem Stabshauptquartier fünf Kilometer außerhalb von Tetovo. "Aber dann kam ein Befehl von Ali Ahmeti, dass wir uns zurückziehen sollen."

Die UCK ist letztlich die Trumpfkarte der legalen albanischen Parteien, um in den Verhandlungen Zugeständnisse und Reformen zu erwirken. Jede weitere Ausbreitung der UCK führt den Slawo-Mazedoniern auf beschämende Weise vor Augen, dass die Alternative zum Kompromiss ein Bürgerkrieg und die wirkliche Abspaltung von Landesteilen wären. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. August 2001)

STANDARD-Mitarbeiter Gregor Mayer aus Tetovo
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