Der kulturelle Flaggschiffkapitän

5. August 2001, 23:03
posten

STANDARD-Interview: Joachim Sartorius möchte das Vorzeigemodell "Berliner Festspiele" in neue Gewässer navigieren

Er folgte als Leiter der "Berliner Festspiele" Ulrich Eckhardt nach. Joachim Sartorius möchte das Vorzeigemodell aller Kulturfestivals in neue Gewässer navigieren - Christian von Kageneck sprach mit ihm über die Zukunft einer Institution.

Berlin - Eine exemplarische deutsche Kultur-Vita sieht aus wie folgt: Joachim Sartorius wurde 1946 in Fürth geboren. Er studierte Rechtswissenschaften, war sodann im auswärtigen Dienst tätig, Gesandter in Zypern, Leiter des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin, Generalsekretär des Goethe-Instituts in München. Er ist seit Beginn dieses Jahres Intendant der Berliner Festspiele GmbH.

STANDARD: Die Berliner Festspiele sind der größte Kulturveranstalter der Welt. Sie besitzen nun endlich ein eigenes Festspielhaus - fabelhaft, sagen viele, andere bemäkeln die schlechte Akustik und fordern kleinere Spielstätten.

Sartorius: Das Haus ist großartig: Ivan Nagel nannte es "die schönste Bühne Berlins für Gastspiele". Es gibt ein Problem, wie die über 1000 Plätze zu füllen sind. Im Theater-und Tanzbereich ist die Akustik gut. Natürlich gehört zu den Festspielen auch der intime Kammerton. Da böte sich die Möglichkeit, die große Seitenbühne mit einem eisernen Vorhang zu versehen und als Studiobühne auszustatten. Wir haben beim Bund eine solche Veränderung beantragt. Ich bin sehr optimistisch, dass das auch klappt.

STANDARD: Wie soll die ganzjährige Bespielung aussehen?

Sartorius: Unsere Mittel reichen nur aus, um in unserer eigenen Festivalzeit ein Programm aufzulegen. Die Festspiele bestehen aus verschiedenen Komponenten. Die Größte ist die Berlinale, hinzu kommt die zeitgenössische Musik im März, das Theatertreffen im Mai, die Festwochen im Herbst, das Jazzfest im November.

Wir wollen, dass dieses Haus ständig Leben zeigt, pulsiert. Wir müssen versuchen, möglichst viele Fremdveranstalter ins Haus zu holen und Kooperationen einzugehen. Das läuft im Moment schon erstaunlich gut: Wir hatten kürzlich ein Gastspiel aus Athen, das von der griechischen Regierung vorfinanziert wurde. Ich bin auch hier der Hoffnung, dass wir eine ganzjährige Bespielung erreichen können. Das Problem bei der Fremdvermietung ist: Was ist mit dem eigenen Profil? Ein Musical Sisi kann und wird es bei uns nicht geben!

STANDARD: Das vergangene Theatertreffen hat bei vielen nur ein müdes Gähnen hervorgerufen. Inwieweit sehen Sie hier Handlungsbedarf?

Sartorius: Das mit dem Gähnen muss ich bestreiten. Es gab einen hohen Publikumszuspruch. Gleich am ersten Tag wurden 25.000 Karten verkauft - ein Zuspruch wie bei einer Fußball-WM. Aber mit dem letzten Theatertreffen, das vielleicht nicht innovativ genug war, haben wir eine riesige Debatte über den Stand des Theaters heute entfacht. Das ist positiv. Bleibt der Punkt: Hat dieses Theatertreffen Impulse gezeigt, die in die Zukunft weisen? Und mit wenigen Ausnahmen, ich denke da an die beiden Thalheimer-Inszenierungen, lautet die Antwort: nein.

Die alte Jury hat aufgehört, ohne mein Zutun. Es gibt jetzt eine jüngere Jury, sie wird von fünf auf acht Juroren aufgestockt. Und ich bin sicher, dass sie ganz andere Stücke nach ganz anderen Kriterien auswählen wird. Die Jury arbeitet autonom, aber ich habe sie ausgewählt. Ich habe das Gefühl, dass auch Fragen der Wissenschaft wie der Genforschung aufgenommen werden.

STANDARD: Ein Festival jagt das andere, Inhalte sind austauschbar. Sollte man, um die Spreu vom Weizen zu trennen, nicht wieder zu Übersichten zurückkehren, die dem liebenden Amateur einen roten Faden an die Hand geben?

Sartorius: Große thematische Setzungen sind das geeignete Mittel, um die Berliner Festspiele von den unendlich vielen anderen Festivals abzugrenzen. Doch ging das nicht in diesem Jahr, weil wir keine Auftragsarbeiten vergeben konnten. Dies bedingt eine lange Vorlaufzeit. Erst ab 2003 wird es eine solche Setzung geben, und zwar heißt dann die große Themenausstellung: Berlin-Moskau. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, zu sehen im Gropius-Bau.

Behandelt wird darin die Zeit des Kalten Krieges, die Dissidentenszene, der Fall der Mauer, die Annäherung der Künste. Wir wollen junge russische Komponisten, Maler und Regisseure vorstellen. Und im Jahr 2004 denken wir über ein Thema nach, das den Arbeitstitel trägt: "Die Neuerfindung des Ich", wo auch alle Fragen der Zukunftsforschung hineinspielen.

STANDARD: Über das große Angebot der Festspiele wurde schon geredet. Was halten Sie von einem engeren Zusammenspiel der Künste?

Sartorius: Sehr viel. Es gibt große Institutionen wie beispielsweise das ZKM in Karlsruhe oder die Medienhochschule in Köln, die das schon betreiben. Ich möchte programmatisch mehr tun. Im Sinne von inter- oder transdisziplinär. Und da gibt es einige Kunstformen, die sich besonders dafür eignen.

Das Erste ist das Musiktheater, wo man Musik, Theater und die Bildende Kunst mit den Neuen Medien zusammen bringen kann. Ein Beispiel: Der kanadische Videokünstler Stan Douglas hat vorgeschlagen, Bergs Lulu ausschließlich mit Neuen Medien zu machen. Das sind Entwicklungen, wo Festspiele mitmischen müssen.

STANDARD: Hat die "dritte Moderne" überhaupt noch ihren Platz bei den Festspielen?

Sartorius: Die Festspiele müssen zweierlei leisten: das Spannende und Wichtige, das auf der Welt geschieht, nach Berlin zu holen; und wir müssen stark in die Zukunft schauen. Die Festspiele müssen ein Laboratorium sein, sie müssen versuchen, in Zusammenarbeit mit Wissenschaftern und Künstlern gemeinsam die neuen ästhetischen Formen und Sprachen aufzuspüren und auch zu zeigen. Das kann auch schrecklich schief gehen, wenn das Publikum das nicht annimmt.

STANDARD: Die Festspiele sind eine GmbH und werden finanziell vom Bund getragen. Können Sie mit dem augenblicklichen Etat leben?

Sartorius: Der Bund gibt den Festspielen umgerechnet 175 Millionen Schilling. Wenn Sie das vergleichen mit den Festspielen in Wien oder der Triennale im Ruhrgebiet, sind das eher kärgliche Summen. Zumal von diesem Budget auch noch 105 Millionen an die Berlinale gehen. Da bleibt für die eigentlichen Festspiele nur wenig. Das bedeutet zweierlei: Ich muss weiter mit dem Bund verhandeln, und ich muss finanzkräftige Sponsoren finden. Da sind wir beim Sortieren.

STANDARD: Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Berliner und mit überregionalen Institutionen aus?

Sartorius: Wir sind hier in Berlin und haben den Anspruch, dass von überall her Menschen anreisen. Die Musik betreffend: Wir besitzen kein eigenes Opernhaus. Dann gehe ich zu Herrn Barenboim oder Herrn Zimmermann und sage: Können wir in diesem Punkt nicht kooperieren? Ein anderes Thema ist der Tanz. Es gibt viele gute freie Gruppen. Aber sie haben nicht genügend Sichtbarkeit. Ich kann mir vorstellen, dass wir hier ab 2002 stärker zusammenarbeiten, dass wir mit William Forsythe versuchen, Querverbindungen zu schaffen.

Überregionale Verbindungen bedürfen einer langen Vorlaufzeit. Doch Koproduktionen müssen sein, z. B. ein Musikstück von Heiner Goebbels, das wir 2003 aufführen wollen. Ferner gibt es Kontakte zu großen westeuropäischen Festivals in Paris, Kontakte zu Netzwerken wie "Theorem". Da werden westeuropäische Theater mit den Theatern aus den mittel- und osteuropäischen Nachbarstaaten verknüpft. Man trifft sich zweimal im Jahr und beschließt Koproduktionen.

STANDARD: Wie sehen Sie prozentual die Verteilung zwischen traditioneller und neuer, innovativer Kunst?

Sartorius: Ich möchte, was einige mit einem lauten Stöhnen quittiert haben, mich fast ausschließlich auf das 20. Jahrhundert konzentrieren. Mein Vorgänger hat die Festspiele ganz anders aufgefasst, er hat auf das 19. und 18. Jahrhundert zurückgegriffen. Da gibt es in Berlin genügend Akteure, die das auch machen, sodass es nicht notwendig ist, dass die Festspiele diese Arbeit leisten.

(DER STANDARD, 4/5 August 2001)
Share if you care.