"Sie haben die Falschen erwischt"

3. August 2001, 17:08
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Erster Brief eines Inhaftierten an seine Familie

Rom - "Uns zu kriminalisieren, nutzt nichts. Sie haben die Falschen erwischt." Dies schreibt der 35-jährige Wiener Schauspieler R. F., der gemeinsam mit 24 anderen Mitgliedern der "VolxTheaterKarawane" seit zwölf Tagen in der norditalienischen Stadt Alessandria inhaftiert ist, in einem Schreiben an seine Familie. "Keine Tränen, wir werden uns bald wieder sehen", beruhigt F. seine Schwester Evelyn Bauer. Sie hatte in dieser Woche in einem Brief Bundespräsident Thomas Klestil um eine sofortige Initiative zur Freilassung der Globalisierungsgegner ersucht.

"Zum ersten Mal seit all diesen Tagen haben wir einen Brief von meinem Bruder erhalten. Der Ton ist zuversichtlich, Einzelheiten über die Festnahme wollte er aber nicht schildern, vor allem weil er meine Mutter nicht zu sehr beunruhigen will", sagte Evelyn Bauer am Freitag. Sie ist nach Alessandria gereist, um ihren Bruder zu sehen. "Ich durfte aber nur ein Paket mit Wäsche abgeben. Der Besuch im Gefängnis wurde mir verweigert. Nur mit dem italienischen Rechtsanwalt konnte ich sprechen", betonte Bauer.

Tagelange Unsicherheit

Der Mangel an sicheren Informationen über den Gesundheitszustand der Inhaftierten sei der qualvollste Aspekt des Falls, meint Bauer. "Wir sind tagelang in Unsicherheit gelassen worden. Das Konsulat versicherte uns, dass unsere Verwandten alle wohlauf seien. Uns erreichten aber immer wieder widersprüchliche Informationen über Misshandlungen. Wir haben alle große Angst, seit Tagen leben wir mit dieser Last, man wird mit der Zeit immer schwächer. Jetzt, wo ich aber einen Brief erhalten habe, bin ich erleichtert", sagte Bauer.

Ihr Bruder ist seit Jahren Mitglied der "VolxTheaterKarawane". Die Reise nach Genua sei seine zweite Auslandsreise mit der Theatergruppe gewesen. "Per Internet habe ich regelmäßig Informationen über ihre Aktivitäten erhalten. Plötzlich ist aber der Kontakt abgebrochen. Ich habe sofort den Verdacht geschöpft, dass mein Bruder festgenommen worden sein könnte", berichtet Bauer. Sie ist von der Unschuld ihres Bruders überzeugt. "Wenn sie kriminelle Handlungen begangen hätten, wären sie sofort von Genua weggefahren, sie wären bestimmt nicht zwei Tage länger geblieben. Ich kenne außerdem die Gegenstände, die beschlagnahmt worden sind. Ich weiß, dass es sich um Theaterrequisiten handelt. Ich habe selber gesehen, wie sie mein Bruder vor der Abreise eingepackt hat", sagte Bauer.

Sie dankte Klestil wegen seines Einsatzes für die Freilassung der Aktivisten, kritisierte aber Außenministerin Benita Ferrero Waldner wegen der Verspätung, mit der sie sich um die Aktivisten der "VolxTheaterKarawane" bemüht habe. "Am Schlimmsten war es mit anzusehen, wie alle anderen in Genua inhaftierten Ausländer in kürzester Zeit freigelassen wurden. Die Außenministerin hat dagegen zehn Tagen gebraucht, um einen Brief an ihren italienischen Amtskollegen zu schicken und zu fordern, dass die Gruppe nach Österreich ausgewiesen wird. Das ist nicht sehr professionell", meinte Bauer.

Die Wienerin hält nun regelmäßig Kontakt zum Wiener Rechtsanwalt der Theatergruppe, Wilfried Embacher. Sie informiert auch laufend die Familienangehörigen der anderen Aktivisten. Die Hoffnung ist, dass bei der nächsten Woche geplanten Prüfung des Hafttermins die Gruppe freigelassen wird. "Wir wünschen uns alle, dass dieser Alptraum bald vorbei ist", meinte Bauer. (APA)

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