"Dichter zu Gast"

3. August 2001, 13:15
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Drei sind sie, aus Ungarn kommen sie, in Salzburg lesen sie

Salzburg - Bloß ein Jahr war Ivan Nagel Leiter der Abteilung Schauspiel bei den Salzburger Festspielen. Doch eine seiner Programmideen hat ihn überdauert: Die Serie "Dichter zu Gast" hat sich als eine vielseitige und offene Präsentationsform abseits von Schauspiel und Oper bewährt und der Literatur in der Mozartstadt ein international beachtetes Forum geboten. Nach Elfriede Jelinek, Hans Magnus Enzensberger und Christoph Ransmayr steht heuer erstmals weder eine Einzelperson, noch Deutschsprachiges im Mittelpunkt. Ab 13. August ist ein ungarisches Triumvirat zu Gast: Imre Kertesz, Peter Nadas und Peter Esterhazy.

"Literarische Großmacht"

"Ungarn ist eine literarische Großmacht", hatte Peter Esterhazy 1999 in seiner Eröffnungsrede des Ungarn-Schwerpunktes auf der Frankfurter Buchmesse gemeint, "nur seine Sprache, die ist ein Kerker." Tatsächlich sprechen alle drei Schriftsteller deutsch (Kertesz ist gar Übersetzer von Freud und Wittgenstein, Hofmannsthal und Canetti), nur mit den Ungarisch-Kenntnissen der Österreicher hapert es meist. Doch Sprachbarrieren schützen nicht vor Anerkennung: Zwei von den Dreien sind Träger der höchsten Auszeichnung, die Österreich für ausländische Literaten zu vergeben hat, des Österreichischen Staatspreises für europäische Literatur.

Peter Nadas, 1942 wie seine beiden Kollegen in Budapest geboren, ausgebildeter Fotograf und erst nach einer Tätigkeit als Fotoreporter und Journalist zur Literatur gestoßen, erhielt den Preis 1991 für sein Opus magnum "Buch der Erinnerung", an dem er über ein Jahrzehnt gearbeitet hatte und das von der Presse als "Meilenstein der europäischen Prosa" ("Neue Zürcher Zeitung") gelobt wurde, mit dem er "nichts Geringeres als eine innere Geschichte unseres von Ideologien gezeichneten Jahrhunderts" ("F.A.Z.") versucht habe. Im Salzburger Landestheater liest Nadas am 17.8. gemeinsam mit den Schauspielern Michael Maertens und Otto Sander aus dem Buch. Den Auftakt zu der Autorenwoche bildet jedoch am 13.8. die Präsentation seiner neuesten Veröffentlichung, der Novelle "Die schöne Geschichte der Fotografie" im KunstRaum Vierthalerstraße. Dort wird auch eine Ausstellung von Nadas gezeigt: 500 Fotos, die einen einzigen Baum im Lauf eines Jahres zeigen.

Subversion gegen Ordnung und Vergessen

Der 1950 geborene Peter Esterhazy hat sein Hauptwerk, wenn man ungarischen Kritikern glauben will, soeben vorgelegt. Sein verzweigter, augenzwinkernder und ausufernder Familienroman "Harmonia Caelestis", im Vorjahr erschienen, hält sich in seiner Heimat ganz oben auf den Bestsellerlisten und wurde mehrfach ausgezeichnet. Im September erscheint die deutsche Übersetzung im Berlin Verlag, am 18.8. liest der Autor, begleitet vom Saxofonisten Laslo Des, aus dem Buch, das ihn viele Jahre beschäftigt hat.

Der studierte Mathematiker, der in den siebziger Jahren als Informatiker arbeitete, ehe er freier Schriftsteller wurde, ist ein Sprössling alten ungarischen Adels. Als Kleinkind erlebte er die Deportation seiner von den Kommunisten enteigneten Familie in ein abgelegenes Dorf mit, auch später gereichte ihm seine Herkunft nicht zum Vorteil. Das heutige Ungarn ist stolz auf ihn, er selbst möchte niemand anderen als sich selbst repräsentieren. 1999 hielt er die Eröffnungsrede des Ungarn-Schwerpunktes auf der Frankfurter Buchmesse. Im gleichen Jahr wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet. Der damalige Kunststaatssekretär Peter Wittmann (S) pries zu diesem Anlass Esterhazys Werk als "sanfte Subversion gegen alle Ordnungen".

Die Ordnungen durcheinander zu schütteln ist tatsächlich eine Lieblingsbeschäftigung von Esterhazy, nicht nur in "Harmonia Caelestis", wo er behende zwischen den Jahrhunderten springt, Historisches wie Privates mischt, sondern auch in seinem "Produktionsroman", der ihn 1979 in Ungarn schlagartig bekannt machte, in "Das Buch Hrabals" (1991), "Donau abwärts" (1992) und auch in seinen 97 Variationen zu einem ewigen Thema: "Eine Frau" (1996). Der betreffende Abend (15.8.) weist eine außergewöhnliche Besetzung auf - von den Schauspielern Ulrich Tukur, Robert Meyer, Thomas Thieme und Branko Samarovski bis zur Sängerin Christine Schäfer und dem "Rezitativisten" aus Marthalers "Figaro"-Inszenierung, Jürg Kienberger.

Doyen Kertesz

Imre Kertesz ist der älteste der drei Autoren. 1929 geboren, wurde er als 15jähriger mit einem Transport ungarischer Juden in die Konzentrationslager der Nazis verschleppt. Er überlebte Auschwitz und Birkenau und dokumentierte seine Erfahrungen literarisch. Sein "Roman eines Schicksalslosen" zählt zu den eindrücklichsten Zeugnissen dieser Geschehnisse - unter anderem deshalb, weil er darin bereits nachdrücklich auf die Unmöglichkeit des Vergessens wie des Nachempfindens hinweist.

Nach einer Tätigkeit als Journalist arbeitete Kertesz als Übersetzer und Autor. Über die Zeit der kommunistischen Diktatur, die er in einer winzigen Budapester Wohnung erlebte, schrieb er in seinem "Galeerentagebuch". Die beiden Bücher stehen im Mittelpunkt eines von Kertesz und der Schauspielerin Johanna Wokalek bestrittenen Abends (14.8.). Mit "Ich - ein anderer" dokumentiert er den Aufbruch in eine neue Zeit nach der Wende. Pierre-Laurent Aimard begleitet den Autor mit Etüden von György Ligeti bei einer Lesung aus diesem Buch am 16.8.

Den Abschluss der Reihe "Dichter zu Gast" bildet schließlich ein gemeinsamer Abend der drei Autoren mit Gästen von György Kurtag bis Sunnyi Melles. (APA)

"Dichter zu Gast", Auftakt am 13.8., 20 Uhr, im KunstRaum, Vierthalerstraße 11.

14. bis 18.8.: Landestheater Salzburg, tgl. 20 Uhr, 19.8.: Landestheater Salzburg, 18 Uhr.
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