Akademie als Trutzburg der Männer

3. August 2001, 09:36
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Im österreichischen Olymp der Wissenschaft sitzt keine einzige Frau

Wien - Als eine der letzten intakten Männerbastionen erweist sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften: Unter den 87 "Wirklichen Mitgliedern" im Bereich der naturwissenschaftlichen Disziplinen, also im harten Kern der Akademie, findet sich keine einzige Frau. Das geht aus einem von der EU in Auftrag gegebenen Bericht des "European Technology Assessment Network (ETAN) on Women and Science" hervor. Damit befindet sich Österreich in der schlechten Gesellschaft von Griechenland und Portugal, während es Schweden immerhin auf 5,5 Prozent Frauen bringt. Präsentiert hat den Report kürzlich die ETAN-Vorsitzende Mary Osborn, Zellbiologin am Max-Planck-Institut in Göttingen, auf der Frauenkonferenz der Europäischen Organisation für Molekularbiologie (EMBO) in Heidelberg.

Das beharrliche Vorurteil, es gebe eben keine qualifizierten Kandidatinnen, lässt sich leicht am Beispiel der Biowissenschaften widerlegen: Von den 20 österreichischen Molekularbiologen, die in die EMBO, eine Art europäische Akademie der Biowissenschaften, aufgenommen wurden, sind sechs Frauen, also fast ein Drittel. Wieso wird keine dieser Topwissenschafterinnen in den österreichischen Olymp gewählt?

Gegen Männerbünde

Akademiepräsident Werner Welzig versucht gar nicht, die Dinge zu beschönigen: "Ihr Vorwurf ist gerechtfertigt", gibt er im STANDARD-Gespräch zu, "auch ich bin gegen Männerbünde. Aber man kann die Akademie nicht losgelöst vom gesellschaftlichen Kontext sehen. Auch an den Universitäten gibt es noch immer zu wenig Frauen, und unter den vom Wissenschaftsfonds ausgezeichneten Wittgenstein-und Startpreisträgern finden sich neben 41 Männern auch nur drei Frauen. Dieses Missverhältnis zu ändern ist eine Aufgabe, die die Gesellschaft insgesamt mit mehr Einsatz lösen muss."

Als seinen persönlichen Beitrag und eine Art Aufbauarbeit betrachtet Welzig die von ihm initiierten APART-und DOC-Stipendien, die die Akademie seit einigen Jahren an ausgezeichnete HabilitandInnen und DoktorandInnen vergibt. In diesem Programm wurden bisher fast zur Hälfte Frauen gefördert, jede Dritte von ihnen war Naturwissenschafterin.

Aber die Akademie hat neben der mathematisch-naturwissenschaftlichen auch noch eine philosophisch-historische "Klasse" oder Sektion. In der sieht es aber nur wenig besser aus: Von den 72 Wirklichen Mitgliedern sind fünf Frauen. Ähnlich ist das Verhältnis bei den Korrespondierenden Mitgliedern aus dem In- und Ausland (Naturwissenschaften: 233 Männer, acht Frauen, Philosophie: 206:15). Versteht sich von selbst, dass von den 15 Ehrenmitgliedern beider "Klassen" kein einziges weiblich ist.

Beine machen

Diese Benachteiligung - schließlich geht es um die Verteilung öffentlicher Gelder, um Macht und Renommee - wollen sich viele Wissenschafterinnen nicht länger gefallen lassen. Renée Schroeder, österreichische EMBO-Delegierte, zum STANDARD: "Wir sind in der EMBO gerade dabei, ein Frauennetzwerk zu schaffen und Werkzeuge zu entwickeln, mit denen wir der Frauenförderung Beine machen können."

In der EU-Kommission immerhin beginnt das Problembewusstsein langsam zu greifen. Das sechste Rahmenprogramm für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung soll einige neue Anstöße bringen. Schließlich kann es sich keine Gesellschaft leisten, auf das Potenzial der Frauen zu verzichten.

Heide Korn

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.8. 2001)

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