Nachdenken über die neue Verteilung

3. August 2001, 15:10
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WissenschafterInnen über die politischen Auswirkungen des Bevölkerungsschwundes

Wien - Die Zahl der Kinder im Volksschulalter wird 2005 um zehn Prozent niedriger sein als heute. Damit sinkt die Zahl der Erwerbstätigen von 62,6 (im Jahr 2000) auf 53,9 Prozent (im Jahr 2030). Und: Derzeit ist jedEr fünfte ÖsterreicherIn im Pensionsalter, ab dem Jahr 2015 wird es jedEr vierte sein, um 2030 jedEr dritte.

Frauen rekrutieren

Aus diesen Prognosen ist für Christine Mayrhuber vom Wirtschaftsforschungsinstitut eine Konsequenz zu ziehen: Da nicht immer weniger Erwerbstätige immer mehr Pensionen bezahlen können, müsse die Erwerbsquote erhöht werden. "Spielraum" dafür sieht sie vor allem bei den Frauen: Liege doch die Frauenerwerbsquote in Österreich derzeit bei 63 Prozent - sie auf 80 Prozent zu heben sei "nicht unrealistisch", wie der Vergleich mit Dänemark zeige.

Dafür gebe es eine Voraussetzung: "Mehr Kinderbetreuung. Selbst für weniger Kinder reichen die Plätze nicht." Mehr Kinderbetreuung könne auch Auswirkungen auf die Geburtenrate haben: "Nur mehr Geld bis zum 3. Lebensjahr flüssig zu machen reicht nicht, auch das zeigt der internationale Vergleich."

Höheres Pensionsalter

Der zweite Bereich, in dem die Erwerbsquote auszubauen sei, sei der Älterer: "Die Unternehmen müssen umdenken und können nicht 50-Jährige als unbrauchbar für den Arbeitsmarkt erklären." Dennoch werde man um die Anhebung des Pensionsalters nicht umhinkommen, zumindest um die Annäherung des faktischen an das gesetzliche.

Eine ähnlich logische und unangenehme Botschaft hat Maria Hofmarcher vom Institut für Höhere Studien für das Gesundheitssystem: "Wenn es mehr Ältere und weniger Erwerbstätige gibt, sinkt das Beitragsvolumen für das Gesundheitssystem. Wenn das derzeitige hohe Qualitätsniveau der gesundheitlichen Versorgung gehalten werden soll, wird das Konsequenzen haben." Im Klartext: mehr Beiträge oder mehr Selbstbehalte.

Generell habe die steigende Überalterung die Konsequenz, dass "die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit steigen werden", prognostiziert Hofmarcher. Allerdings: "Die Ausgaben werden steigen, aber nicht so stark wie angenommen, weil die Menschen länger gesund bleiben."

Demographische Veränderungen

Konsequenzen erfordert die Prognose nicht nur im Sozialbereich: "Die Zukunft beginnt schon heute", fordert Vera Mayer vom Institut für Regionalforschung der Akademie der Wissenschaften rechtzeitige Reaktionen der Politik auf demographische Veränderungen - etwa den starken Abwanderungstrend aus den Städten in die Umlandgebiete. Verantwortlich für die Abwanderung in das Umland sei ein "Wohnleitbild", das viel Grün, Ruhe und soziales Prestige verheiße. Und, so Mayers Vermutung: "Das Wohnen wird sich noch mehr aufs Land ausbreiten."

Die Siedlungsexpansion im städtischen Nahbereich bleibt nicht ohne Konsequenzen: mehr Verkehr, hoher Flächenverbrauch und Zersiedelung der Landschaft. Mayers raumplanerische Forderung: "Man muss in Zukunft mehr auf die ganze Region, nicht nur auf den eigenen Ort schauen."

Demokratie-Erosion

Da die einzelnen Lebensorte der Menschen (Wohnen, Arbeiten, Freizeit) nicht mehr deckungsgleich seien, komme es zudem, so Dieter Bökemann, Professor für Stadt- und Regionalforschung an der TU Wien, zu einer "Erosion der Demokratie". Wien-Pendler etwa seien von der Wiener Verkehrspolitik direkt betroffen, hätten aber keinen politischen Einfluss darauf.

Eva Linsinger, Lisa Nimmervoll

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.8. 2001)

Weniger Kinder, weniger Arbeitende, mehr PensionistInnenen und starke Zersiedelung: Eine Konsequenz ist, dass die Erwerbsquote erhöht werden muss. DER STANDARD befragte dazu WissenschafterInnen.
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