Italiens Innenminister Claudio Scajola kann nichts erschüttern

2. August 2001, 19:41
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Berlusconis Machiavellist im Kreuzfeuer

Im italienischen Senat verfolgte Claudio Scajola diese Woche die lautstarken Rededuelle um seinen Rücktritt wie einen langweiligen Rechnungsprüferbericht: als lästige Formalität.

Während Regierungschef Silvio Berlusconi sein Missmut deutlich anzusehen war, zeigte sich sein Innenminister wie immer: scheinbar unbeteiligt, als sei der Misstrauensantrag wegen der Vorfälle in Genua nicht gegen ihn, sondern einen anderen gerichtet; makellos gekleidet, die Arme verschränkt, den Blick in die Ferne gerichtet.

Darin unterscheiden sich der Regierungschef und sein Innenminister: Während der eine keinen langen Atem für die politische Kleinarbeit hat, verkörpert sein treuester Vasall die Tugend der italienischen Christdemokraten schlechthin: das Aussitzen.

Sein Vater gehörte als Abgeordneter und Bürgermeister seiner Heimatstadt Imperia zum politischen Urgestein der Democrazia Cristiana. Es war die Frau des DC-Gründers Alcide Degasperi, die Claudio 1948 aus der Taufe hob.

Sein Bruder Alessandro war zweimal Abgeordneter und ebenfalls Bürgermeister. So war es nur folgerichtig, dass Claudio Scajola, der bereits als 14-Jähriger eine katholische Schülergruppe gegründet hatte, 1982 ebenfalls zum Bürgermeister der ligurischen Provinzstadt gewählt wurde, die wegen ihres guten Olivenöls bekannt ist. Schon damals ist er wegen seiner teilweise autoritären Anwandlungen als "Napoleone" bezeichnet worden.

Die legendäre politische Überlebenskunst der Christdemokraten eignete sich Scajola mit der Muttermilch an. Eine Schmiergeldaffäre um das Spielkasino von San Remo, die ihn für mehrere Monate ins Gefängnis brachte, überstand er unbeschadet. Der Untersuchungsrichter sprach ihn frei. 1995 trat Scajola in Imperia auf einer Bürgerliste gegen die Kandidatin von Forza Italia an und wechselte wenig später zur Partei Berlusconis. Politischer Instinkt hat dem Wasserball-Fan und Vater zweier Kinder nie gefehlt.

1996 schlug für Scajola die große Stunde. Berlusconi beauftragte ihn, die lose Truppe der Forza Italia zu einer schlagkräftigen Partei zu bündeln. Als zäher und akribischer Meister politischer Kleinarbeit wurde er für den Chef unverzichtbar. In der Partei lief seither jede Kandidatur und jede Beförderung über seinen Schreibtisch. Seine Karriere krönte Scajola, der stets staatstragende Miene zeigt und sein Gesicht selten zu einem gequälten Lächeln verzieht, mit dem Einzug ins Innenministerium. Dort hat er jetzt die schwerste Bewährungsprobe seiner Laufbahn zu bestehen. Wenig Glanz fällt auf seine Person. Scajola hat sich als ehrgeiziger Mann seinen Aufstieg sicher ganz anders vorgestellt. Aber wer ihn kennt, glaubt, dass er die Krise unbeschadet überstehen wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. August 2001)

Von Gerhard Mumelter
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