Mazedoniens Zerstörung - von Gregor Mayer

2. August 2001, 19:41
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Mazedonien galt lange Zeit als Modell: Völlig unblutig löste es sich 1991 aus der Konkursmasse des zerbrechenden Jugoslawien; friedfertig lebten slawische Mazedonier und rund 30 Prozent ethnische Albaner zusammen, die jeweiligen Koalitionsregierungen waren stets auch mit Vertretern einer der Albaner-Parteien beschickt. Doch der gute Wille moderater slawischer Mazedonier und mazedonischer Albaner entfaltete sich in einer für den Balkan typischen politischen Kultur. Das Sagen hat am Ende der, der die Macht hat. Und die Macht kommt am Ende aus den Gewehrläufen - oder von den Polizeiknüppeln. Jeder wartet auf seine Chance.

Mit dem Nato-Einmarsch in den Kosovo sahen die Albaner ihre Chance gekommen. Die kosovo-albanische U¸CK war im Krieg gegen Milosevic-Serbien der natürliche Verbündete der Nato. Ihre Entwaffnung geriet nach dem Krieg zur Farce. In diesem Frühjahr zettelten im Kosovo sitzende mazedonische Albaner einen Aufstand an. Reale Benachteiligungen der Albaner und mangelnde Einsicht bei der slawo-mazedonischen Elite trieben den Aufständischen die Sympathien der dörflichen Albaner zu.

Heute könnte Mazedonien nur noch als internationales Protektorat zusammengehalten werden, im Bürgerkrieg versinken oder in eine irgendwie bemäntelte friedliche Separierung geführt werden. Die von den internationalen Unterhändlern moderierten Verhandlungen und die angepeilte "Entwaffnung" der U¸CK deuten darauf hin, dass die internationale Gemeinschaft auf Letzteres abzielt. Tatsächlich würde diese "Lösung" am wenigsten kosten - 3500 Mann Nato-Soldaten für 30 Tage Waffeneinsammeln, kein Krieg mit neuen Flüchtlingen, kein neues Protektorat mit teuren Verpflichtungen. Wenn nicht später eine ganz andere Rechnung präsentiert wird. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 3.8.2001)

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