IT-Fachkräfte: Ein Überangebot an Mangel - Von Helmut Spudich

2. August 2001, 18:46
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Zahlenspiele über fehlende IT-Spezialisten leisten keinen Beitrag zur Bedarfsdeckung

Möglich, dass es in Österreich wie in allen Industriestaaten zu wenige Spezialisten für Informationstechnologie (IT) gibt. Gesichert jedenfalls ist, dass es ein eindeutiges Überangebot an Papieren zum "IT-Fachkräftemangel" gibt.

Erst vorgestern setzte der Marktforscher IDC noch eines drauf: 60.000 IT-Fachkräfte fehlen dem österreichischen Markt, und zwar noch heuer. Die Zahlen purzeln in diesem Spiel munter durcheinander und machen zunehmend den Eindruck der Beliebigkeit. Die TU Wien gab vergangenes Jahr 30.000 zum Besten, die Wirtschaftskammer zu Jahresbeginn "konservative 10.000", das Wifo 13.000, das Wirtschaftsministerium gibt 7400 an. Irgendwer 100.000?

Arbeitslos vor der Villen-Tür

Derweil sitzen in Silicon Valley und anderen Hightech-Zentren die ach so gesuchten IT-Spezialisten arbeitslos vor den Türen ihrer enteigneten Millionenvillen, weil die Branche unversehens in die Krise getrudelt ist. Etwas ernüchternder darum der Befund des Münchner Ifo-Instituts: Der Fachkräftemangel ist "stark zurückgegangen".

Eine realistischere Bestandsaufnahme ist darum nötig, um die hinter den Zahlen lauernde Green-Card-Debatte differenzierter zu führen. So viel ist sicher: Eine Technologie, die so relativ jung ist wie IT, muss naturgemäß auch erst die Arbeitskräfte erfinden, die sie braucht. Frisiert wird seit Jahrhunderten, programmiert erst seit Jahrzehnten, PC-Netze in kleinen Betrieben gibt es gerade erst ein paar Jahre. Also ist die richtige erste Konsequenz, die neuen Fertigkeiten in Schulen und Ausbildungen aller Art nachhaltig aufzunehmen. Dabei gibt es Fortschritte, die noch lange nicht ausreichen. Vieles erlernt man im Tun: Der Betrieb eines kleinen Netzes, der gestern noch eine "IT-Fachkraft" erforderte, könnte beim Betrieb eines Klassen- und Schulnetzes quasi nebenbei gelernt werden - wenn nur in jeder Klasse und Schule Netze betrieben würden. Dann würden in naher Zukunft solche Aufgaben etwa Sekretariate in Firmen übernehmen, was eine erfreuliche Höherqualifizierung wäre. IT-Lehren, auf die vor allem die Sozialpartner gerne setzen, werden wahrscheinlich kaum greifen: nicht weil Lehrlinge dafür zu dumm wären, sondern weil den meisten (kleinen) Betrieben dazu Kompetenz und Kapazität fehlt. Die großen wie Siemens oder andere sind vom Fachkräftemangel ohnedies am wenigsten betroffen.

Technologie reduziert Bedarf

Über die zweite Konsequenz gehen die Szenarien des Mangels gern hinweg: Es ist die Technologie selbst, die den Bedarf nach Spezialisten dramatisch reduzieren wird. Wer vor ein paar Jahren eine Kundendatenbank einrichtete, brauchte dafür einen Datenbankentwickler - heute muss er jemand haben, der ein Handbuch anwenden kann. Wer 1995 eine Webseite machen wollte, musste etwas von Kommunikationsprotokollen und HTML verstehen; heute muss sie die Zehn-Schritte-ins-Internet-Anleitung von Illustrierten lesen.

Soll heißen: Wenige Technologien haben der Industriegesellschaft einen solchen Rationalisierungsschub verpasst wie IT, und dieses Potenzial wird vor der IT selbst nicht Halt machen. Wir werden weniger Fachkräfte brauchen, als die Hochrechnungen prognostizieren, weil wir alle in gewisser Weise zu Fachkräften werden, während die Technologien zwar innerlich komplexer, oberflächlich jedoch immer mehr wie Strom aus der Steckdose funktionieren.

Bewegliches Ziel

Gibt es also einen Mangel? Sicher, aber seine Behebung ist ein bewegliches Ziel. Die Zeit arbeitet, durch Ausbildung und Alltagsgebrauch einerseits und einfachere Technologie andererseits, an seiner Deckung. Das allein wird nicht reichen, also müssen Betriebe erfinderisch sein und ihre Fachkräfte durch Schulung selbst produzieren oder mit besserer Bezahlung abwerben, was wiederum das Interesse von Arbeitnehmern an Qualifikation für attraktive Berufe wecken wird.

Und selbstverständlich wird ein Land, das sich in diesem Wettbewerb gut schlagen will, Personal auch außerhalb seiner Grenzen rekrutieren, wenn es nicht von allen guten Geistern verlassen ist. (DER STANDARD, Printausgabe 3.8.2001)

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