Der Highway und "Kino unter Sternen"

30. August 2001, 12:12
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Lynch' "Lost Highway", gesehen für das "Journal des Verschwindens" (XL)

Am letzten Julitag das "Kino unter Sternen" im Augarten. Das Wetter hielt, was es nicht versprochen hatte. Ob es drei oder fünf Sterne waren am Himmel über dem Flakturm? Sie reichten leicht bei Lost Highway, Regie David Lynch 1997, mit Bill Pullmann, Patricia Arquette, Robert Blake. Ein Film, der keine anderen Sterne nötig hatte.

Schon in der ersten Szene mit extremer Zeitlupe wird jeder rasch zum andern und ist, schon ehe er dem nächsten verfällt, rettungslos sich selbst verfallen. Die Designerwohnung, das Ehepaar, die verlangsamt-unbeteiligte Bettszene. Dazu This magic moment, ein Popklassiker. Aber dieser magische Moment gibt nichts vor, er ist gleich mörderisch genug.

October Films

Die vielen raschen Treffen der doppelgängerischen Hauptfigur um alle Ecken herum und über jede Fahrbahn hinweg, die Pete mit dem sturen satten Kinderblick verschwenderisch austeilt, die siegreiche Zukunft, die er mit dem Model/Callgirl Alice plant, die Verstrickung und die Landschaft, die sie ermöglicht, eine brutale Landschaft, die als Einzige nicht auf der Strecke bleibt.

Auf der Leinwand der offene halb zerfetzte Himmel und die dazugehörigen ratlosen Komparsen (wieder Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, aber entscheidend reduziert), ihre hilflose Verständnislosigkeit angesichts der Morde: eine Hilflosigkeit, fast identisch mit der des Sternenhimmels, wenn Igel und Feldhasen nachts die Highways kreuzen. Und was ist aus den kleinen Nachfahren amerikanischer Bürger geworden? Ganz einfach: Gangsterbosse. Wie Mr. Eddy, dem sie allesamt ebenso wenig entkommen wie er ihnen. Er war aus der späten Landschaft des Juliabends vorauszusehen, aber vermutlich nicht aus den Sandburgen, Kleingärten und dem Gottvertrauen, die oft konsequentere Katastrophen einleiten als Kellerwohnungen, versoffene Väter und anonyme Götter.

Der späte warme Abend, Lost Highway und der leichte Wein hat Landschaft und Denkmöglichkeiten eröffnet, die selbst einer unter dieser Regierung leicht gedeihenden Untermittelmäßigkeit gewachsen sein könnten. Und jedem verlorenen Spiel. Überlebensgroßes Kino im Stroboskoplicht - eine Möglichkeit, die offiziell sicher zu wenig verspricht. Tags darauf im "Kino unter Sternen" Performance, Großbritannien 1970, mit Mick Jaggers Memo from Turner und Randy Newmans Gone Dead Train. Mick Jagger, noch fast mädchenhaft, war sehr gut. Aber mir waren die Beatles immer lieber als die Stones.

Am Samstag, dem 18. August, wird noch einmal Le Goût des Autres zu sehen sein, Regie Agnès Jaoui, und am 19. August schließt das "Kino unter Sternen" mit The Band Waggon, USA 1953, Regie Vincente Minelli, Songs: Dancing in the Dark und That's entertainment. Gaussplatz und Augarten werden danach vorübergehend kein Ziel mehr sein. Aber was bis zum nächsten Kinojahr entscheidend bleibt, ist ein offener Himmel über der Stadt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 8. 2001)

Das "Journal" wird nächsten Freitag fortgesetzt
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