Bayreuther Dirigentenroulette

2. August 2001, 19:12
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Am Ende war die "Götterdämmerung" ...

Die diesjährige "Ring"-Produktion der "Bayreuther Festspiele" endete mit einem Triumph für den Pult-Debütanten Adam Fischer. Jürgen Flimms Inszenierung wirkt allerdings weiterhin zu betriebsam und unausgegoren.


Dirigent sein in Bayreuth - das ist gar nicht so cool, wie man glauben könnte. Bei weit über 40 Hitzegraden im geschlossenen Orchestergraben kann von cool keine Rede sein. Und gerade leise geht es dort unten auch nicht zu. Ganz im Gegenteil: Wenn das Blech so richtig loslegt, halten sich die Streicher, sofern sie nicht selbst spielen müssen, die Ohren zu.

Als Dirigent darf man das natürlich nicht. Und wenn, wie es Adam Fischer während des zweiten Siegfried-Aktes widerfuhr, ein Insekt bedrohlich um die über dem Dirigentenpult montierte Lampe surrt, darf er nicht einmal den Kopf wenden, um nachzusehen, ob es sich um eine Wespe handelt, geschweige denn, diese verscheuchen. Eine solche Bewegung könnte vom Orchester als Aufforderung zu einem Fortissimo oder auch zum unvermittelten Abbruch missdeutet werden.

Präzise röhren

Da heißt es gottergeben abwarten: Sticht sie, oder sticht sie nicht? - Bayreuther Roulette. Als Dirigent darf man eben nur dirigieren. Und dies in Bayreuth letztlich obendrein noch ins Blaue. Denn wie sich der im Orchestergraben tosende Krawall im Zuschauerraum anhört und sich mit den Stimmen der Solisten und vor allem auch mit den von Eberhard Friedrich präzisest losröhrenden Chören mischt, kann der Dirigent bestenfalls ahnen, präzise hören kann er es nicht.

Umso präziser heißt für ihn, sich den Notwendigkeiten der Bühnentechnik zu unterwerfen. Und wenn der Umbau von Erich Wonders wirrer Szenerie im dritten Götterdämmerung-Akt eben besonders lange dauert, dann bleibt nichts anderes übrig, als den Trauermarsch durch entsprechende Tempodehnung auf die erforderliche Länge zu bringen. Als dann am vergangenen Mittwoch nach getaner Ring-Arbeit diese Klangarmee aus ihrem hölzernen Kerker fix und fertig auf der Bühne stand und sich auch noch Adam Fischer ihnen zugesellte, da wollte der (berechtigte) Jubel nicht enden.

Man kann sagen, Adam Fischer, der schon vor 20 Jahren in Graz einen fulminanten Tristan hinlegte, hat es geschafft. Von einem äußerst vorsichtig angegangenen Rheingold über eine phasenweise schon mündige Walküre fand Fischer zu einem dynamisch imposant prallen Siegfried und zu einer Götterdämmerung von gelassener Schönheit, die Fischers Intentionen am deutlichsten spiegelte: Lyrische Innigkeit und beinahe kammermusikalische Transparenz in ausgewogenem Wechsel mit den obligatorischen Klangmassen.

Die Klangbuntheit

Fischers größte Tugend aber ist, dass er in den Augenblicken allgemeiner orchestraler Aufwallung die individuelle Färbung der einzelnen Instrumentengruppen zu erhalten versteht und dadurch eine Klangbuntheit von selten gehörter Vielfalt erzielt. Diese allgemeine Euphorie wurde freilich auch durch zum Teil grandiose solistische Leistungen geweckt. John Tomlinson als Hagen von uneinholbarer Souveränität wäre da wohl als Erster zu nennen.

Ebenso wie Günter von Kannens Alberich zu den Qualitätskonstanten dieser Ring-Produktion zählt. Nur in Grenzen trifft dies auf Luana deVols Brünnhilde zu. Und schon gar nicht auf Wolfgang Schmidt, der seinen Siegfried so singt, als würde man ihn erwürgen und nicht erstechen. Dafür brillierte Christian Franz als Siegfried-Siegfried um so glanzvoller.

Die Regie-Amnestie

Aber auch Hans Joachim Ketelsen als Gunther, Lioba Braun als Waltraute und Wiens neuer Liebling Ricarda Merberth als Gutrune hatten die erwähnte Euphorie in solchem Maße aufgeheizt, dass das Publikum sogar Jürgen Flimm Amnestie gewährte, dem nach der Walküre und nach dem Siegfried geradezu ein Taifun des Empörung entgegenstob. So arg, dass politisch Korrekte die Ursache dieser Erregung schon wieder einmal im "gesunden Volksempfinden" vermuteten.

Wie gesund oder wie krank das Volksempfinden des Bayreuther Premierenpublikums nun auch immer sein mag, es gibt genug künstlerische Gründe, um an Jürgen Flimms Ring-Inszenierung zu (ver)zweifeln. Sie ist zunächst einmal ein Reiseführer durch Flimms diverse Arbeiten für das Sprechtheater. Eine kaleidoskopische Topologie aus Tschechow und Strindberg. Die Götter sollen Onkel Wanjas und die Göttinnen die drei Schwestern werden. Herunter vom Grünen Hügel mit ihnen allen und hinein ins Thalia-Theater. Alles zusammen von überaktiver gestischer Geschwätzigkeit, damit auch der Dümmste versteht, was Flimm meint. Alles zusammen dazu angetan, die Musik überflüssig zu machen, damit auch nur ja niemand begreift, was Richard Wagner meint.

Gute Augenblicke

Trotzdem ereignen sich zwischen all dem szenischen Übereifer dieser zu psychopathischen Bürgern mutierten Götter doch auch überwältigende Augenblicke hinreißenden Theaters. Natürlich braucht man zwei so überragende Gestalten wie Alan Titus und Birgit Remmert, um im zweiten Walküre-Akt Wotans menschliche und männliche Demontage durch Fricka zu beklemmender Dichte zu steigern.

Dieser von Flimm meisterhaft gestaltete Diskurs, in dem die nicht grundlos grämliche Fricka ihren Mann mit einem Argument nach dem anderen niederringt und mit diesem Sieg das Ende der Götter einleitet, wird nicht nur zur Schlüsselszene dieses ganzen Rings, sondern auch zum archaisch wuchtigen Beziehungslehrstück: Wenn die Reize welken, erblüht die Moral. Wagner wusste, was er schrieb. Cosima war nicht von Pappe. Nicht umsonst starb er nach einer Eifersuchtsszene, die sie ihm lieferte, an einem Herzanfall.

Und Siegfried, der sich im Augenblick des Sterbens ausgerechnet an Hagen, seinen Mörder, klammert, wird zur Allegorie der gläubigen Einfalt, mit der sich nur allzu viele an jene hängen, die sie zerstören. Zu ihnen zählen auch die Frauen und Männer, die Flimm nach dem Untergang der Götter am Schluss einem neuen, grell blendenden Licht zustreben lässt - wie die Insekten zur Lampe über Adam Fischers Pult.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 8. 2001)


Peter Vujica
aus Bayreuth

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