Almrausch schmerzt das Bürgerherz

2. August 2001, 19:57
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Anrainer machen gegen "Edelweißalm" in der City mobil

Wien - Zu Beginn seines Vortrags hat Herbert Pristl noch das Wort für sich allein. Doch schon nach wenigen Sätzen wird das von ihm euphorisch vorgetragene Konzept für eine "Edelweißalm" in der Blumenstockgasse von Unmutsäußerungen und vielen ungeduldig auf die Tischplatte klopfenden Zeigefingern begleitet. "Sie sehen, wie hier die Stimmung ist", klärt ein Moderator den Verkaufsdirektor der Brau Union auf.

Die rund 70 anwesenden Mitglieder der Bürgerinititative sind nämlich aufgebracht, dass schon bald die "Erlebnisgastronomie" im ersten Bezirk Einzug halten soll. Wie DER STANDARD bereits berichtete, plant die Brau Union ein Bierlokal in der engen Gasse mit 120 Sitz- und 50 Stehplätzen, mit Kasnock'n aus der Rauchkuchl, Skisimulator und Kletterwand - mitten in Wien und im "echten Almstil", wie Pristl ankündigt. Künstliches Edelweißflair fürs Original Edelweißbier des größten heimischen Bierlieferanten.

Die Grätzelbewohner hingegen fürchten ob dieser Pläne um ihre Wohnqualität durch mehr Lärm und Gestank, das biedermeierliche Häuserensemble im Franziskanerviertel und die "Kultur, die es bei uns in Wien gibt", werde zerstört.

Chansonnier und Burgtheater-Doyen Michael Heltau, prominenter Gegner des Bierprojekts, hat "nichts gegen Edelweiß, "aber um Gottes Willen nicht an diesem Platz". So was "in einem Land, in dem Karl Kraus geschrieben hat" - nein, das ist ihm "zu brutal". "Das tut auch mir weh im Herzen", ergänzt eine Anrainerin. Rotraut Perner, bekannte Psychologin, warnt: "Selbst wenn man mit zwei Oropax schläft, die Schwingungen, die von so einem Lokal ausgehen, beeinflussen uns alle. Und wollen wir unsere Kinder im Geiste von Alkohol und Verdummung erziehen?" Perner bietet der Brau Union an, als Mediatorin, an einem neuen Lokalkonzept mitzuarbeiten, "dass ihren und unseren Wünschen entspricht".

Nachdem Pristl nach einer Stunde Diskussion, nach allen Seiten grüßend, aber recht raschen Schrittes, den Saal verlässt, machen die betroffenen Bewohner Ernst mit Widerstand: Ein Anwalt steht bereit, die Rechtsvertretung zu übernehmen, erteilt Auskünfte zur Parteienstellung im Verfahren, erste Verfahrensmängel wurden noch Mittwochabend festgestellt. Zwei Arbeitsgruppen werden gebildet - für "Rechtsfragen" sowie "Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit". Das Ziel ist klar: "Das Lokal zu verhindern." Noch drei Monate sind Zeit, denn im Oktober will die Brau Union die Eröffnung feiern.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 8. 2001)

Von Andrea Waldbrunner
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