Kritik an Gusenbauers Uni-Plänen

2. August 2001, 17:54
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Erziehungswissenschafter gegen reinen Forschungsbetrieb und für Grundstudium

Wien - "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein derartiger Quantensprung, wie er Herrn Gusenbauer vorschwebt, in so einem kurzen Zeitraum realisierbar ist. Da müssten massiv Ressourcen von den Unis hinüberwandern."

So reagierte Karl-Heinz Gruber, Erziehungswissenschafter an der Uni Wien, auf die Vorschläge des SP-Chefs Alfred Gusenbauer für den österreichischen Universitätsbereich. Der SP-Chef hatte im Gespräch mit dem Standard gefordert, dass in zehn Jahren die Hälfte aller Studierenden auf Fachhochschulen (FH) inskribiert sind.

Gruber kann auch der Idee, dass die Unis nur mehr die akademische Laufbahn forcieren sollen, nichts abgewinnen. Das widerspreche unter anderen den vielfältigen Bedürfnissen der Studierenden: "Die wollen ja nicht alle reine Forscher werden." Gruber plädiert dafür, an den Unis eine Art Grundstudium anzubieten. Danach sollte es die Wahl zwischen verstärkter Theorie oder mehr Praxisnähe geben. Wichtig wäre auch, die Qualitätskontrolle an den Unis und FHs zu verstärken.

Der Vizerektor der Klagenfurter Uni, Norbert Frei, hat prinzipiell "nichts gegen eine Differenzierung des Bildungsangebots. Nur müssen gleiche Eingangsvoraussetzungen und Wettbewerbsbedingungen geschaffen werden, was ja derzeit nicht der Fall ist." Allein durch die Studiengebühren, die ab heuer an den Unis, nicht aber an den Fachhochschulen eingeführt werden, sei eine Verzerrung der Wettbewerbssituation zu erwarten.

Frei hält Gusenbauers "Verteilungsschlüssel" für wenig sinnvoll, allerdings aus anderen Gründen als Gruber: "Zu einer 50:50-Aufteilung der Studenten wird es ohnehin kommen, da müssen wir gar nichts dazu tun." Bereits jetzt sei an der Elektrotechnik der TU Graz und TU Wien eine massive Abwanderung in Richtung FHs festzustellen.

Kritik an Gusenbauer kommt auch aus den eigenen Reihen. Mit seiner "holprigen" Äußerung ("Der Staat ist dann nicht mehr Alleinanbieter der Dienstleistung Bildung. Das belebt die Konkurrenz") leiste Gusenbauer den Privatisierungsplänen der Regierung im Bildungssystem Vorschub, kritisierte die SP-nahe Aktion Kritischer SchülerInnen den SP-Chef. (kob, pm/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. August 2001)

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