Die Tage der Gewalt

3. August 2001, 18:04
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Katholische Zeitschrift "Famiglia Cristiana" veröffentlicht Augenzeugenberichte aus Genua

"Famiglia Cristiana", die größte katholische Zeitschrift Italiens, veröffentlicht in der jüngsten Ausgabe Augenzeugenberichte über Polizeiübergriffe auf Demonstranten in Genua. Der Leitartikler Beppe Del Colle fordert, "die ganze Hierarchie, oben von der Regierung bis ganz nach unten", sollte die Verantwortung für das Desaster übernehmen.

"Die Gewalttätigen, die Verantwortlichen für die öffentliche Ordnung, die Politiker: Alle schieben sich in negativer Weise gegenseitig den Ball zu", schreibt der Leitartikler. "Nur vom Vater des getöteten Demonstranten kommt eine Lektion der Würde, die beispielgebend ist. Schon am Tag nach dem Tod des Sohnes rief er öffentlich zu Frieden und zur Ablehnung der Gewalt auf. Er sagte: ,Die Gefühle des Friedens, der Toleranz und der Solidarität sind die wahren Werte, in denen man sich wieder finden sollte. Ich empfinde Mitgefühl für den Polizisten, der meinen Sohn getötet hat.‘ Beim Begräbnis hat er vor dem Sarg seines Sohnes gesagt: ,Er hat zwar ein kurzes Leben gehabt, aber mich viele Dinge gelehrt. Zum Beispiel, die Jugend nicht nach der zerrissenen Kleidung oder dem Piercing zu beurteilen. Nun weiß ich, dass dahinter echte Herzen und denkende Köpfe stecken. Es ist ein unersättlicher Durst nach Gerechtigkeit.‘ Es handelt sich um eine Lektion der Würde und Einsicht, über die alle nachdenken sollten.

Verantwortung für die Geschehnisse sollen die Zuständigen für die Sicherheit und der öffentlichen Ordnung übernehmen, die ganze Hierarchie, oben von der Regierung bis ganz nach unten. Sie haben sich gegenseitig die Schuld am Desaster zugeschoben. Dies gipfelte schließlich in der Leugnung der Tatsachen, dass in der Kaserne von Bolzaneto nichts passiert sei. Verantwortlich ist die Politik, die in ihrer Mehrheit sich sofort auf die Seite der Ordnungskräfte gestellt hat, bevor noch die Ermittlungen begonnen haben."

"Friede" gerufen

Die Zeitschrift veröffentlicht in der Folge Zeugenaussagen über die Übergriffe der Polizei:

"Ich bin ein 18-jähriger Jugendlicher, praktizierender Katholik. Vor einem Jahr war ich mit zwei Millionen Jugendlichen beim Weltjugendtreffen in Rom, um den Worten des Papstes zu lauschen, der zu uns gesagt hat: Ihr sollt nicht resignieren vor einer Welt, in der andere Menschen verhungern, Analphabeten bleiben und arbeitslos sind. Ihr werdet euch mit aller Kraft anstrengen, diese Welt bewohnbar für alle zu gestalten.

Ich gab mich der Illusion hin, dass es die Pflicht jedes Christen ist, sich zu engagieren. Ich fuhr nach Genua, um eine gerechte Welt zu fordern. Was ich dort gesehen habe, hat einen ganz irrealen Geschmack. Wenn ich nicht blaue Flecken und Schwellungen auf dem Rücken hätte, würde ich nicht glauben, brutal geschlagen worden zu sein, während 50 Meter von mir entfernt drei Mitglieder des Schwarzen Blocks, die mit Stöcken bewaffnet waren, zusahen, lachten und ganz ungestört waren.

Ich war Teil jener Gruppe von Pazifisten, die auf dem Lungomare von der Polizei eingekesselt worden sind. Ich war einer jener Demonstranten, die hofften, die Schläge der Exekutive zu stoppen, indem wir mit erhobenen Händen am Boden saßen und ,Friede‘ riefen. Die Polizei hat uns trotzdem attackiert. Ich habe versucht, mich an einer Mauer zu schützen. Um mich herum flogen Tränengasbomben, die vom Hubschrauber abgefeuert worden waren. Ich hörte nur Schreie und dumpfe Schläge . . . Ich lag am Boden, ein Mitglied der Guardia di Finanza schlug auf mich ein. Ich weinte, aber er schlug mich. Sonntag habe den ganzen Tag geweint. Abends bin ich in die Messe gegangen. Als ich unter Menschen war, hatte ich Angst. Mehr als der Rücken tut mir das Herz weh."

Misshandlungen

Besonders drastisch ist die Schilderung von Gian Paolo Ormezzano, der seinen Sohn nach dreitätiger Isolationshaft mit einem gebrochenen Wirbel, einer mit acht Stichen genähten Platzwunde im Gesicht und Spuren von schweren Misshandlungen von Gewehrkolben und Fußtritten am gesamten Körper wiedersah.

"Was soll ich meinem Sohn sagen? Jetzt höre ich nur sagen, dass er nicht nach Genua hätte gehen sollen. Er hat doch nichts Schlechtes getan. Er hat als neugieriger, angehender Kameramann die Ereignisse gefilmt (die Kamera ist verschwunden). Sie haben meinem Sohn die Freiheit wiedergegeben, aber nicht den inneren Frieden. Was kann ich tun? Wie soll ich mit ihm sprechen über Legalität, ein ehrliches Leben, Freiheit, Demokratie, über den Respekt vor den Menschenrechten und über Pflichten? Ich kann nicht so eingebildet sein zu glauben, dass nicht auch ich am Aufbau dieser schmutzigen Welt in einer gewissen Weise beigetragen habe. So bin ich bereit, mit eine schwere Verantwortung auf mich zu nehmen. Ich habe Mühe, die langen und konfrontativen, aber positiven Diskussionen mit meinem Sohn wieder aufzunehmen. Ich schaffe es nicht, für ihn, aber auch für mich, Haltegriffe zu finden." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. August 2001)

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