Spuren im Wüstensand - Die Geschichte der Beduinen vom Jemen bis zum Maghreb

6. August 2001, 10:19
posten

Eine interessante Recherche von Jörg-Dieter Brandes

Der Begriff Beduinen wird vom arabischen Wort „Bedu“, Bewohner der Wüste, abgeleitet. Beduinen sind die Nomaden der Wüsten. Für viele beschwört das Wort eine lyrischere Vorstellung herauf, wird gleichgesetzt mit fliegendem Sand, wallenden Gewändern, den langen, trottenden Schritten der Kamele. Für mehrere Jahrhunderte waren solche Vorstellungen nicht weit entfernt von der Realität. In der unermesslichen dürren Weite des Sinai, aber auch der Wüsten Negev und Arabiens, wanderten einst die Stämme mit Kamelen von Oase zu Oase. Sie folgten den traditionellen Wegen ihrer Ahnen und bewahrten deren alte Kultur. Doch es gibt nur wenige arabische Chronisten des Mittelalters, die Wissenswertes zur Geschichte des Beduinentums überliefert haben. Alles Bekannte beruht nur auf mündliche Widergabe, auf Erzählungen über die Heldentaten der Vorfahren, die von Generation zu Generation immer größere Ausmaße annahmen und zahlreiche Mythen entstehen ließen – Erzählungen, die wegen des Ahnenstolzes sehr detaillierte Beschreibungen enthalten.

Viele der unzähligen Stämme auf dem Sinai stammen von Auswanderern ab, die zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert die Arabische Halbinsel verließen. Sie wurden in verhältnismäßig kurzer Zeit Beduinen, Wanderer der Wüste. Die Beduinen bilden zahlreiche Stämme, an deren Spitze jeweils ein Scheich („Ältester“) steht. Er ist nicht unbedingt ein Despot mit unumschränkten Vollmachten, aber jeder Stammesangehörige hat seinen Anweisungen zu gehorchen. Das gesamte Wüstengebietes des Vorderen Orients und Nordafrikas, das heißt die riesigen Ebenen an der nordafrikanischen Mittelmeerküste, im Maghreb, im Innern des Irak, Syriens und der Djesira, wurden von Beduinenstämmen durchzogen, die ihre bestimmten Sommer- und Winterweidenplätze hatten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der Lebensraum der Beduinen aber auf tragische Weise verändert. Haben viele ihr traditionelles Leben eingetauscht. Eingetauscht gegen die „Segnungen“ der modernen Welt. So leben auch rund 250.000 Beduinen in Israel, die meisten von ihnen im südlichen Judäa und Negev, der Region, in der sie traditionell als Nomaden lebten. Sie gehören zu jenen Arabern, die während des Unabhängigkeitskrieges und der Gründung des Staates Israel im Lande blieben und die israelische Staatsbürgerschaft annahmen. Damit genießen sie zwar nominell die gleichen Rechte wie jeder andere israelische Staatsbürger, von einer faktischen Gleichbehandlung aber sind sie noch weit entfernt. Obwohl sie weder die nationalistischen Ambitionen palästinensischer Organisationen und Parteien, noch die militärischen Interventionen der arabischen Nachbarstaaten unterstützten, haftet ihnen als Araber der Makel an, zu jenen zu gehören, die für Israel potentiell eine Gefahr darstellen.

Aber auch auf der Sinai-Halbinsel verliert - bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts - das Beduinentum, die Wurzel aller Araber, rapide an Glanz. Auf diese Weise ist in vielen arabischen Ländern aus den einstigen stolzen Beduinen das Lumpenproletariat der Städte geworden – jene Bewohner der Elendsviertel, die – schlecht ausgebildet auf das „moderne Leben“ – ein ärmliches Dasein am Rande der Gesellschaft führen. Ein beduinisches Sprichwort weissagt: Solange Kamelkarawanen durch die Wüste ziehen, hält der Allmächtige seine schützende Hand über seine auserkorenen Lieblingskinder, die Söhne der Wüste. Doch nicht nur im Sinai sind die Kamele inzwischen Mangelware.

Jörg-Dieter Brandes, ein exzellenter Fachmann für den Nahen Ostens, zeichnet die Geschichte dieser rätselhaften Wüstennomaden nach – von ihrem Aufstieg während der Expansion des Islam bis zu ihrem unaufhaltsamen Abstieg im 20. Jahrhundert. Ein neues Standardwerk zur arabischen Geschichte. (Renate Bernardyn-Gabler)

Jörg-Dieter Brandes
Spuren im Wüstensand
- Die Geschichte der Beduinen vom Jemen bis zum Maghreb
Jan Thorbecke Verl. 2001.
M.zahlr. Abb., 323 S./ ÖS 350,-/ EUR 24,54
ISBN: 3799500979

Share if you care.