Konfliktstoff

9. August 2001, 18:33
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Die Mode hat für diesen Sommer wieder einmal das Tarnzeug ausgepackt. Über die Liaison von Laufsteg und Uniform

Willst du nicht bemerkt werden, passe dich deiner Umgebung an, sei wie die Blätter des Waldes, der Sand der Wüste, das Eis des Gletschers! Genau das tun die Tiere des Waldes, der Wüste, des Eises. Das tun die Männer der Militärs und Paramilitärs, und das tun auch - und das ist wirklich seltsam - die Männer und Frauen der Mode.

Wie gehen Camouflage, das optische Verschmelzen mit der Umgebung, und Mode, die hochgezüchtete Kultur der optischen Repräsentation von Individualität, zusammen? Die so genannte Street Fashion hat das Combat-Outfit schon lang für sich reklamiert. Amerikanische Army & Navy Surplus Stores haben die Generationen-weise auftauchenden Subkulturen, seien es Hippies oder Punks, nebst Bomberjacken und Jeans mit den olivbraungrauen Mustern versorgt. Und wann immer bei den Designern Orientierungsbedarf entsteht, blicken sie auf die Straße. Das brachte die Tarnmuster auf den Laufsteg.

Die "Platoon"-Partie

Einen der größten Auftritte hatte das textile Täuschmanöver Mitte der 90er-Jahre, als Valentino Claudia Schiffer in einer Camouflage-Abendrobe auf den Laufsteg schickte. Seither hat das Muster des Krieges dort einen Stammplatz. Comme des Garcons-Designerin Rei Kawakubo integrierte Camouflage in viele Teile der laufenden Kollektion. Das Resultat ist nicht leicht verdaulich. Wasserstandshosen mit schwarz-weißem Hahnentrittmuster etwa haben seitlich einen Einsatz aus Camouflage. Das treibt jenen, die modische Hausmannskost bevorzugen, die Tränen in die Augen. Gourmets dagegen können von der Spannung, der Subtilität dieses Arrangements gar nicht genug bekommen.

Mit von der Platoon-Partie ist im Sommer 2001 auch John Galliano, der für Christian Dior aufgemotzte Luxus-Camouflage-Queens bastelte. Durch die Rückkopplung zur Street Fashion gibt's die Tarnfarben in diesem Sommer in fast allen Modeketten: Camouflage-Shirts, -Hosen, -Tank-Tops, Camouflage als Koketterie auf Bikinis, Badeanzügen, Unterwäsche, Camouflage als Signal an die Umwelt ("Ich robbe durch den Schlamm, ich schlage mich mit der Machete durchs südamerikanische Unterholz, ich bin Roadie bei Rammstein.").

Die Haute-Couture-Wolke auf Erden

Was will die Mode von der Camouflage? Warum lehnt sie sich an bei den Meistern des Gleichschritts? Vielleicht um sich zu erden und von der Haute-Couture-Wolke aus Land zu sichten? Schwer zu sagen, meint etwa auch Raf Simons. Der belgische Modemacher und Professor der Modeklasse an der Wiener Universität für angewandte Kunst meint, dass sich da wohl keine generelle Regel aufstellen lasse. Für ihn gehören Uniform und Camouflage zu den Elementen seiner Umgebung, die ihn in seiner Arbeit inspirieren. Und zwar genug, dass er für die kommende Herbst/Winter-Kollektion Camouflage ins Programm nimmt.

Einen tieferen Grund nennt er allerdings: "Für mich ist es die Obsession mit der Wiederholung. Ich erforsche das Individuelle in der Masse." Womit er an den Prinzipien der bildenden Kunst und der Wahrnehmungspsychologie streift und nicht an der Zeitgeschichte, die ihrerseits gerade im Falle der Camouflage eine bemerkenswerte Liaison haben.

Anleihen aus Flora und Fauna

Der amerikanische Maler Abbott Thayer, der um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende vornehmlich Engel auf Leinwände bannte, beschäftigte sich damit, wie Tiere ihre Farben nutzen, um sich vor Fressfeinden zu verbergen. Punkt eins: die Verschmelzung mit der Umgebung durch Angleichung der Muster. Punkt zwei: das Aufbrechen der Kontur durch plakative Muster, um optisch zu verschwinden oder wie etwas ganz anderes auszusehen.

Diese Theorie materialisierte sich im 1. Weltkrieg, als das französische Militär 1915 erstmals eine Camouflage-Einheit unter der Führung eines Künstlers bildete. Das amerikanische und britische Militär folgten auf dem Fuß und bildeten vergleichbare Truppen, in denen Künstler tragende Rollen spielten, unter ihnen etwa Franz Marc, László Moholy-Nagy und Oskar Schlemmer.

Die aktuelle Faszination der Straßen-Mode mit den Tarnkappen speise sich wohl am ehesten aus der englischen Jugendkultur der 60er- und 70er-Jahre, meint Thomas Ilming von der militärtechnischen Abteilung des Heeresgeschichtlichen Museums. Der 40-Jährige muss es auch wissen, denn: "Ich bin als Ökista-Schüler in England unterwegs gewesen und habe mich für die Taschen im Army-Surplus-Store begeistert. Mit Faszination fürs Militär hatte das wenig zu tun. Zu den einschlägigen Filmen hatte ich damals überhaupt keinen Zugang."

Die Mode wird das Spiel mit dem Täuschen und Tarnen noch ein bisschen weiter spielen, ihre Widersprüchlichkeit und Sinnsuche auf dem Laufsteg vorführen, als wolle sie eines dokumentieren: Die Sehnsucht nach dem Verschwinden und das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit sind gleichberechtigte Partner. ( B.L./mw )

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