"Darf sich ein moderner Staat wie eine Mafia benehmen?"

2. August 2001, 11:10
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Der israelische Pazifist Avnery über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern

Berlin/Wien - Der israelische Pazifist und Ex-Abgeordnete Uri Avnery hat der Regierung von Premier Ariel Sharon vorgeworfen, sich mit der Ermordung militanter Palästinenser über alle moralischen Bedenken hinwegzusetzen. "Darf sich ein moderner Staat wie eine Mafia benehmen, Leute ohne Gericht hinrichten, auf Beschluss von Geheimdienstlern, die niemandem wirklich Rechenschaft schulden?", schreibt der Initiator der Friedensbewegung "Gush Shalom" in einem von der deutschen "tageszeitung" (taz) veröffentlichten Beitrag. "Auch das hebräische Wort, das dafür gebraucht wird - liquidieren - stammt aus dem Wortschatz der Mafia", hebt Avnery hervor.

"Bush's Regierung will die Saudis nicht provozieren"

Solche Anschläge könnten die Gewalt nicht eindämmen, vielmehr würden sie das Gegenteil bewirken, befürchtet der israelische Politiker und Publizist, der vermutet, dass "Generalstabschef Shaul Mofaz vielleicht auch Arafat umbringen möchte". Aber "vorläufig erlauben die Amerikaner das nicht. Die Bush-Regierung, in der die Erdölinteressen stark vertreten sind, will die Saudis nicht provozieren - das Geld für die Wohltaten der Hamas kommt schließlich aus Riad." "Es ist ein Zermürbungskrieg mit einer automatischen Eskalation, und jede Seite hofft, dass die andere zuerst zusammenbrechen wird. Da die Palästinenser um ihre nationale Existenz kämpfen, für Israel dieser Krieg aber ein Luxus ist, werden die Palästinenser wohl nicht kapitulieren. Nach viel weiterem Blutvergießen werden die beiden Seiten wieder über Frieden reden müssen", schreibt Uri Avnery. Avnery hatte in der Vergangenheit versucht, Sharon unter anderem wegen Kriegsverbrechen an ägyptischen Gefangenen im Jahr 1956 vor Gericht zu bringen. "Gush Shalom" hatte zuletzt ein Thesenpapier für eine "historische Versöhnung" zwischen Israelis und Palästinensern auf der Grundlage von Gleichheit, Zusammenarbeit und gegenseitiger Achtung veröffentlicht. Den israelischen Regierungen warf Avnery vor, in den Oslo-Abkommen nur ein Mittel zu sehen, die Besatzung in großen Teilen des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens aufrecht zu erhalten mit einer palästinensischen Selbstregierung, "die die Rolle einer Hilfsagentur für die Sicherheit Israels und der Siedlungen spielen sollte". (APA)

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